New York (dpa) - Eine junge Frau legt Blumen auf Gräber. "Das hier war ein ganz enger Freund", sagt sie mit trauriger Stimme und streicht über einen Grabstein. Auch dieser Freund sei an einer Überdosis Schmerzmittel gestorben, die Pillen habe er sich unter anderem bei ihr besorgt.

Schlecht fühle sie sich deswegen nicht, sie habe eben ihre Kinder durchbringen müssen und das Geld deswegen gebraucht, sagt die junge Frau, die selbst die Sucht bekämpft. "Wenn er die Pillen nicht von mir bekommen hätte, hätte er sie sich eben woanders besorgt. So ist das."

Die Schmerzmittelsucht hat die USA fest im Griff, wie die Dokumentation "Süchtig nach Schmerzmitteln. Die Opioiden-Krise in den USA" bei Arte am Dienstag (2. April) um 20.15 Uhr eindrücklich zeigt. 200.000 Todesfälle durch Überdosen gab es allein in den vergangenen fünf Jahren. In manchen Städten ist ein Viertel der Bevölkerung abhängig und damit auch unfähig, zu arbeiten oder sich um die Familie zu kümmern. Die Krise betrifft alle Altersgruppen und sozialen Schichten. Auch wenn die meisten Arztpraxen, Apotheken und Kliniken, die jahrelang Millionen Pillen verschrieben und verkauften, inzwischen geschlossen sind und gegen die Pharmaindustrie geklagt wird, ist das Problem noch lange nicht im Griff.

Die Sucht beginnt fast immer ähnlich: Jemand geht mit Schmerzen zum Arzt und bekommt ein starkes Opioid verschrieben, beispielsweise OxyContin, das der Pharmakonzern Purdue jahrelang als völlig unbedenklich vermarktet hat. Aber das künstliche Morphin macht extrem schnell abhängig, besonders wenn man die Pille nicht einfach schluckt, sondern beispielsweise zerstampft und dann einnimmt. Auf diese Weise gerieten Millionen Menschen in den USA aus oft kleinem Anlass in die tiefe Abhängigkeit.

Die Dokumentation von Regisseurin Carmen Butta konzentriert sich auf West Virginia, den mit am schlimmsten betroffenen US-Bundesstaat. Die Krise wird von allen Seiten beleuchtet - Süchtige, ehemalige Süchtige, Richter, Anwälte, Bürgermeister sowie frühere Arzneimittelvertreter und Mitarbeiter der Arzneimittel-Beaufsichtigungsbehörde kommen zu Wort. Es fließen viele Tränen und es wird deutlich, zu wie viel Schmerz die Schmerzmittelkrise in vielen Teilen der USA führt.

Aber nicht nur die USA sind betroffen, das macht die Dokumentation deutlich. Auch in Deutschland und Frankreich gibt es erste Anzeichen von zunehmender Schmerzmittel-Abhängigkeit. Zwar ist in beiden Ländern die Verschreibung viel stärker reguliert und das Ausmaß deswegen noch nicht so groß - aber, warnt die Dokumentation, wenn nicht aufgepasst wird, dann könnte sich das womöglich bald ändern.

Süchtig nach Schmerzmitteln. Die Opioiden-Krise in den USA