Köln (dpa) - Fardad Hooghoughi trägt einen Mundschutz und Handschuhe, als er die Klingel drückt. Dann stellt er eine Tasche mit Lebensmitteln vor die Haustür und tritt ein paar Schritte zurück. Eine ältere Frau öffnet, im Hintergrund sieht man ihren Mann. "Guten Tag, Brigitte", sagt Hooghoughi. "Ich bringe die Einkäufe."

Brigitte lächelt. Sie ist 77 und hat Vorerkrankungen. Ihr Mann Knut hatte gerade eine Operation. Damit gehören beide zur Corona-Risikogruppe. Sie sollen ihr Haus vorerst nach Möglichkeit nicht mehr verlassen. Aber wie kommen sie dann an Lebensmittel? "Wir hatten uns schon Gedanken gemacht", erzählt Brigitte, die ihren Nachnamen lieber nicht nennen will. "Aber dann meldete sich Fardad. Wir sind ihm sehr dankbar."

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gesagt, es habe seit dem Zweiten Weltkrieg keine Herausforderung mehr gegeben, bei der es so sehr auf solidarisches Handeln angekommen sei wie jetzt in der Corona-Krise. Werden die Bürger diese Herausforderung bewältigen? "Die Menschen sind hin- und hergerissen zwischen Selbstschutz und Solidarität", glaubt der Psychologe und Bestsellerautor Stephan Grünewald ("Wie tickt Deutschland?").

Was davon stärker durchschlage, werde man vielleicht erst in einigen Monaten wissen. "Aber die vielen Angebote zur nachbarschaftlichen Unterstützung sind auf jeden Fall schon mal ermutigend und berühren auch." Es gebe eine "Welle der Hilfsbereitschaft", konstatiert Grünewald.

In ganz Deutschland haben sich zig tausend Menschen gemeldet, die bereit sind, für andere einkaufen zu gehen, den Hund auszuführen oder auf die Kinder aufzupassen. Die Angebote stehen auf Websites wie nebenan.de. "Bleib zuhause - ich geh für dich", heißt es dort. Ein Lehrer schreibt, er mache derzeit sowieso Home Office, wenn also jemand zum Beispiel Hilfe beim Hochtragen benötige oder etwas auf die Post geben müsse, dann: "Sagt Bescheid!"

Claudia Berlinger nimmt Einkaufswünsche auf und braust dann mit ihrer Vespa los. "Ich bin Alleinerziehende und weiß, wie wichtig ein Netzwerk ist, um in Krisenzeiten über die Runden zu kommen", erzählt sie. Auch könne sie nachempfinden, dass es vielen schwer falle, um Hilfe zu bitten.

Fardad Hooghoughi hat eine Helfergruppe für sein Heimatviertel Köln-Merheim auf die Beine gestellt. Weil seine Mutter eine Autoimmunkrankheit und Diabetes hat, war ihm sofort klar, was die Isolierung für Ältere und Kranke bedeutet. Und da hat er gehandelt. Der 30-Jährige mit iranischen Wurzeln hat nach der Hauptschule in einem Paketzentrum im Flughafen gearbeitet, dann auf dem zweiten Bildungsweg Abitur gemacht. Jetzt studiert er Jura.

Zurzeit übersteigt das Hilfsangebot oft noch die Nachfrage. "Viele schreiben, dass sie zwar noch keine Hilfe brauchen, es Ihnen aber Sicherheit und Geborgenheit gibt zu wissen, dass wir da sind", schildert die evangelische Pfarrerin Miriam Haseleu. Einige hätten die Angebote aber auch schon angenommen. "So schaffen wir es gemeinsam durch die vor uns liegende Zeit", hofft sie.

Gut möglich, dass viele alte Menschen von den Angeboten gar nichts mitbekommen, weil sie kein Internet haben. "Man muss sie auch von Mund zu Mund propagieren, und dieser alte Zettelkasten beim Einkaufen, der nützt auch nach wie vor", meint die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker.

Fardad Hooghoughi hat den Vorteil, dass er die Leute in seinem "Veedel" (Viertel) kennt, er ist dort geboren. Deshalb wusste er auch, dass Brigitte und Knut womöglich Hilfe gebrauchen können. Eine schlechte Nachricht hat er an diesem Tag dann aber doch für das Ehepaar: "Das hier war leider der einzige Eintopf, den es gab!"

Nachbarschaftshilfe bei nebenan.de