Gelsenkirchen (dpa) - Was gibt es über Peter Neururer eigentlich noch zu erzählen? Dass er eine große Klappe hat? Ist bekannt. Dass er Langeweile hasst? Bekannt. Dass der US-Rocksong "Born to be wild" ertönt, wenn man ihn anruft? Ebenfalls nicht neu.

Auch von seinem nicht zu kleinen Selbstbewusstsein haben viele schon gehört. Überraschend ist in dieser Hinsicht vielleicht nur, dass er sich für einen Job als Trainer in der spanischen Primera División (noch) nicht perfekt gewappnet sieht.

"Fachlich schon", erzählt der 64-Jährige. Sprachlich (noch) nicht. "Pero mañana voy a pagar", sagt er. "Das heißt: Aber morgen werde ich bezahlen." Gemeinsam mit seiner Frau lernt Neururer gerade Spanisch. Sie haben kürzlich Lektion zwölf abgeschlossen, wo er unter anderem gelernt hat, dass man nicht immer sofort bezahlen muss. "Jetzt kommen wir als Nächstes in den Bereich Vorträge halten", sagt er. Danach wäre er dann möglicherweise auch gewappnet für den Job bei Real Madrid.

Am heutigen Sonntag wird Peter Neururer 65 Jahre alt. "Ich wünsche ihm von Herzen, dass er einfach so bleibt, wie er ist, weil ich den Typen Peter Neururer wirklich in mein Herz geschlossen habe", lobt Weltmeister Christoph Kramer seinen Ex-Coach. Neururer habe ihm während der gemeinsamen Zeit beim VfL Bochum seine eigene Stärke klar gemacht und dadurch echtes Selbstbewusstsein geweckt, sagt der Profi von Borussia Mönchengladbach. "Das haben viele probiert, aber nur er hat das in dieser Form geschafft."

Trotzdem wird Neururer an seinem Geburtstag genau 1965 Tage ohne Trainerjob sein. Er überbrückte diese quälend lange Zeit zum Beispiel als TV-Experte oder mit einem kurzen Intermezzo als Sportdirektor des mittlerweile insolventen Traditionsclubs SG Wattenscheid 09. Der Verein sei auf einem "Lügengerüst" aufgebaut und "der größte Fehler meines Lebens" gewesen, schimpfte er. Es war ein klassischer Neururer. "Auf jeden Fall bin ich nicht vom diplomatischen Dienst", sagt er lachend.

Neururer sei schon früh jemand gewesen, der für eine "konträre Meinung stand und mit dieser auch gerne provoziert hat", erzählt sein langjähriger Trainer-Rivale Christoph Daum. 13 verschiedene Vereine trainierte Neururer in 1. und 2. Fußball-Bundesliga, die meisten nicht besonders lang, stattdessen erwarb er sich früh einen Ruf als Feuerwehrmann, also als jemand, der in Not geratene Vereine vor dem Abstieg retten kann. Er sei "für jede Mannschaft der Welt der perfekte Feuerwehrmann", sagt Kramer. Seit dem Aus beim VfL Bochum im Dezember 2014 gab es aber keinen Brand mehr, den er löschen durfte.

Er schaut seitdem noch öfter auf sein Handy. In den Zeiten ohne Job sei das sein "Rettungsanker", sagte er mal. Aber es rettete ihn niemand. Und jetzt kommt auch noch die Langeweile der Corona-Krise hinzu. Um nicht wahnsinnig zu werden, hat er seine Tage strukturiert. Jeden Morgen ein Gläschen frischgepresster Orangensaft, dann ein wenig Fitness, anschließend dreht er zwei Stunden auf dem Motorrad.

Ausgerechnet das Motorrad. Denn als er vergangene Woche einem anderen Biker beim Anschieben seiner verreckten Maschine helfen wollte, gab dieser plötzlich Vollgas - und Neururer wurde durch die Luft geschleudert. Ein "Volltrottel" sei der Kerl gewesen, erzählt Neururer, der mit tiefen Schürfwunden und Prellungen davonkam. "Ich wollte dann nach der Harley-Tour wie üblich zuhause eine Flasche Bier öffnen. Aber das konnte ich nicht machen, weil die Hand ganz dick war." Eine Woche habe der Sturz ihn außer Gefecht gesetzt. Mittlerweile geht es aber wieder etwas besser.

Besonders feiern wird er seinen Geburtstag deswegen aber nicht. Die Planungen dafür übernimmt ohnehin seit Jahren seine Frau, er hat auch diesmal keine Ahnung, was passieren wird. Aber er weiß, dass er den Tag wegen der Kontaktbeschränkungen durch Corona vergleichsweise still verbringen wird. Mit einem "besonderen Frühstückskuchen mit Kerzchen" zum Orangensaft. Vielleicht auch mit einer Motorradtour am Nachmittag. Und am Abend dann möglicherweise noch eine Lektion Spanisch. Für einen Job in Spanien. Irgendwann. Vielleicht.

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