Dortmund (dpa) - Den letzten Akt des Fußball-Dramas gegen Wolfsburg erlebte Marco Reus nicht auf dem Rasen, sondern in der Krankenhaus-Kantine. Als Paco Alcácer den BVB zum glücklichen 2:0 über Wolfsburg schoss, war der Teamkapitän in anderer Hinsicht gefordert.

"In der zweiten Halbzeit ging es in die entscheidende Phase", beschrieb der junge Vater seine Erlebnisse im Kreißsaal einer Dortmunder Klinik. Dass wenige Stunden nach den Last-Minute-Treffern sein erstes Kind zur Welt kam, machte das Glück am vergangenen Samstag perfekt: "Es war absolut überwältigend. Man ist unheimlich stolz, Vater zu sein."

Beim traditionellen Baby-Pinkeln Tage später hielt sich der Nationalspieler bei aller Euphorie jedoch zurück. Anders als der einstige BVB-Profi Norbert Dickel trank er kein Pils, sondern begnügte sich mit Limonade. Schließlich steht am Samstag (18.30 Uhr/Sky) der Meistergipfel in München an, bei dem der Tabellenführer aus Dortmund mit einem Sieg auf möglicherweise vorentscheidende fünf Punkte davonziehen könnte. Reus gab die Richtung vor: "Wir müssen versuchen, weiter positiv zu bleiben. Bis zum letzten Saisonspiel bei Borussia Mönchengladbach - hoffentlich mit der Schale in der Hand."

Positiv zu bleiben, fällt Reus derzeit besonders leicht. In auffallend guter Laune kehrte er zum Wochenstart in das Training zurück. Der Baby-Schub soll sich auf das gesamte Team übertragen und das noch gegen Wolfsburg tempoarme Spiel der Borussia beleben. "Wir werden Marcos Geschwindigkeit und Gedankenschnelligkeit in München brauchen", sagte Lizenzspieler-Chef Sebastian Kehl.

Das Comeback von Reus erhöht die Aussicht für den BVB auf einen Erfolg in München beträchtlich. Zusammen mit Axel Witsel ist er der Dreh- und Angelpunkt im Dortmunder Spiel. Schon beim spektakulären 3:2 im Hinspiel gegen den FC Bayern am 10. November war der 29-Jährige die treibende Kraft.

Der Höhenflug der Borussia hat viel mit der stabilen Form des Ausnahmefußballers zu tun. Zur Freude des zu seinem Lieblingstrainer erklärten Lucien Favre, unter dessen Regie er in gemeinsamen Mönchengladbacher Tagen den Sprung in die Nationalmannschaft schaffte, blieb der verletzungsanfällige Reus in dieser Saison von großen gesundheitlichen Rückschlägen verschont. 15 Tore und neun Assists steuerte er in dieser Bundesliga-Saison bei. "Er ist ein sehr, sehr entscheidender Spieler in unserer Offensive", urteilte Sportdirektor Michael Zorc.

Kein Spieler genießt in Dortmund eine höhere Wertschätzung. Zur großen Popularität trägt bei, dass Reus unweit von dem als BVB-Geburtsstätte bekannten Borsigplatz zur Welt kam und nie einen Hehl aus seiner Verbundenheit zur Borussia gemacht hat. "Er ist Kapitän - bei seiner Mannschaft. Borussia Dortmund ist für ihn mehr als nur ein Arbeitgeber. Er ist ein Dortmunder Junge. Du spürst, dass es sein Verein ist", sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke dem TV-Sender Eurosport.

Diese Bodenständigkeit trägt dazu, dass Reus derzeit offenbar keinen Gedanken an einen Wechsel zum FC Bayern verschwendet. Eine Geschichte wie bei Robert Lewandowski und Mats Hummels, die es in den vergangenen Jahren aus Dortmund zum Erzrivalen zog, wird sich nach Einschätzung von Watzke nicht wiederholen. Die Frage, ob der vertraglich bis 2023 gebundene Reus seine Karriere in Schwarz-Gelb beenden wird, beantwortete Watzke mit einem deutlichen Statement: "Das ist weder ein Wunsch noch ein Traum, sondern das wird so kommen."

Interview mit Reus auf BVB-Homepage

Steckbrief Marco Reus