Lissabon (dpa) - Mit dem bisschen Spott kann Thomas Tuchel vor seiner bisher größten Stunde als Trainer gut leben.

"Mit einem Bein im Finale" höhnte die Internet-Gemeinde über den Coach von Paris Saint-Germain, dessen gebrochener linker Fuß ihn beim Jubel über den Einzug ins Champions-League-Endspiel gegen den FC Bayern ziemlich einschränkte. "Stellen Sie sich vor, was ich gemacht hätte, wenn ich zwei Beine hätte", konterte der Trainer des französischen Fußball-Serienmeisters die Witzeleien selbstironisch.

Auch das Finale gegen die Münchner am Sonntag (21.00 Uhr/ZDF, Sky und DAZN) wird Tuchel wohl wieder sitzend auf einer Kühlbox am Spielfeldrand verbringen. Bequem sieht das nicht aus, aber der 46-Jährige ist auch kein bequemer Typ. Seit der Schwabe vor elf Jahren als Cheftrainer des FSV Mainz 05 ins Rampenlicht der Bundesliga trat, eilt ihm der Ruf des bisweilen überehrgeizigen Taktik-Perfektionisten mit Hang zum Jähzorn voraus. Unnahbar, verschlossen - so wirkte Tuchel in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeit oft.

Zweifel an seiner fachlichen Expertise gibt es nicht. Pep Guardiola rühmte Tuchel als "einen der besten Trainer der Welt" und spielte in seiner Münchner Zeit mit dem damaligen Dortmunder Kollegen im Restaurant Taktik-Knobeleien mit Salzstreuern. "Er macht einen sensationellen Job", lobte auch Bayern-Coach Hansi Flick vor der Begegnung im Geister-Finale von Lissabon.

Flick kann wohl auch die jüngste Wandlung von Tuchel bezeugen, nachdem er 2018 noch bei seinem Landsmann in Paris hospitiert hatte. Gelassener ist Tuchel geworden, statt permanenter Tüfteleien hat er seinem Team eine Wohlfühl-Taktik verpasst, in der die Superstars Neymar und Kylian Mbappe am besten glänzen können. Die Mannschaft zahlt es ihm zurück, tritt nun als geschlossenes Ensemble auf und schaffte so nach Jahren der Enttäuschungen erstmals den Sprung ins Königsklassen-Finale.

Für Tuchel muss das Genugtuung sein, nachdem er noch im Frühjahr bei einem Scheitern im Achtelfinale gegen seinen Ex-Club Borussia Dortmund seine schnelle Ablösung fürchten musste. Nun ist er kurz vor dem Gipfel und der Erfüllung der so lange ungestillten Sehnsucht der katarischen PSG-Eigentümer nach dem Henkelpokal.

Ein steiler Weg für den einstigen Jugendtrainer des VfB Stuttgart, der seine aktive Karriere früh wegen einer Verletzung aufgeben musste und dann als BWL-Student nebenbei in einer Bar kellnerte. Geprägt von seinem Ulmer Lehrmeister Ralf Rangnick macht er als akribischer und ungeduldiger Jungtrainer auf sich aufmerksam.

Durch seine Erfolge in Mainz und seine Zeit in Dortmund wird immer wieder auch der Vergleich zu Jürgen Klopp bemüht. Doch Tuchel ist kein Volkstribun, kein Menschenfänger, gilt eher als oft sturer Eigenbrötler. Beim BVB muss er 2017 trotz des Pokalsiegs vorzeitig gehen, weil er sich mit der Clubspitze überworfen hat.

Seine sportlichen Erfolge aber, seine Handschrift haben ihn da schon lange auch für Europas Topclubs interessant gemacht. Die Bayern wissen schon seit 2009, was dieser Tuchel kann, nachdem er Louis van Gaals Münchner mit Aufsteiger Mainz in seinem dritten Bundesliga-Spiel als Trainer mit 2:1 bezwingt.

2018 dann war Tuchel der Wunschtrainer von Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge für die Nachfolge von Jupp Heynckes. Doch weil Club-Patron Uli Hoeneß zu lange glaubte, Heynckes noch zum Bleiben bewegen zu können, sagte Tuchel schließlich in Paris zu. "Ich liebe dich, ich liebe dich nicht", dichtete "Le Parisien" nun vor dem Endspiel mit Blick auf den einstigen Flirt der Bayern mit Tuchel.

Typisch Fußball, dass nun die Münchner nach den Dortmundern und den Leipzigern die letzte Hürde für den Deutschen Tuchel auf dem Weg zur Trainer-Krönung sind. "Für mich ist das nicht das internationale Flair der Champions League", nörgelte Tuchel schon vor dem Halbfinale gegen die Leipziger bei DAZN über die Duelle mit den Bundesligisten. Bei einem Triumph am Sonntag aber wird ihm das herzlich egal sein.

© dpa-infocom, dpa:200821-99-254758/2

Alle Infos zur Champions League

Saisonstatistiken Champions League

Statistik-Handbuch zur Champions League

Bericht "Le Parisien"