Frankfurt/Main (dpa) - Ein paar Selfies oder Autogramme vor dem Hotel wird es diesmal nicht geben, wenn sich die Fußball-Nationalmannschaft am Montag in Stuttgart trifft.

Wegen der Corona-Krise fällt auch eine der ganz wenigen Chancen für Fans weg, ihren Stars nahezukommen. Den Trend zu Social Distancing und Social Media gab es allerdings schon vor der Pandemie - gerade in der Bundesliga.

"Obwohl oftmals im gleichen Alter verbindet Spieler und Fans nicht mehr viel. Dazu sind die jeweiligen Lebenswelten viel zu weit voneinander entfernt. Keine Chance, sich im realen Leben zu treffen", sagt Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) in Frankfurt/Main. Das sei nicht ohne Probleme, denn so werde der Umgang im Stadion als einziger Ort der Begegnung instrumentell - und die Wertschätzung bemesse sich dann oft an der Höhe der Ablösesummen. "Wenn Spieler dann nicht liefern, kann es sehr schnell in extreme Ablehnung umschwenken", erklärt der Sozialpädagoge.

"Für uns entsteht häufig der Eindruck, als ob man in zwei verschiedenen Fußballwelten leben würde. Dabei ist es doch die gleiche!", sagt auch Helen Breit, Vorstandsmitglied von "Unsere Kurve". Dadurch, dass Fans aktuell nicht ins Stadion dürfen und der Kontakt mit der Mannschaft über die Tribünen fehlt, "wird die Trennung zwischen sportlichem Bereich und Fanbereich natürlich noch deutlicher."

Es sei selten geworden, so die Freiburgerin, dass sich Spieler nur annähernd so stark mit einem Verein identifizieren, wie es Fans tun. "Rational formuliert: Für Spieler sind Vereine Arbeitgeber, die man wechselt, wenn die Zeit hierfür gekommen ist. Für aktive Fans sind Vereine ein Teil ihres Lebens, das ist etwas auf Dauer", sagt Breit.

Natürlich vermissen die Spieler, Trainer und Funktionäre in der Pandemie ihre Fans - wie sie allerorten immer wieder betonen. Eintracht Frankfurts Chefcoach Adi Hütter beschlich kürzlich bei einer einsamen Trainingseinheit mal wieder das Gefühl, "man ist irgendwo draußen auf dem Land, wo es keinen interessiert." Zuletzt ließen die Hessen allerdings 125 Zuschauer bei einer Übungseinheit zu - ähnlich handhaben es auch einige andere Clubs. In der Regel aber sind die Anhänger außen vor - wie im Trainingslager von Borussia Dortmund in Bad Ragaz in der Schweiz und auch bei der offiziellen Saisoneröffnung des BVB.

Auch zu Beginn der Saison im September werden die Fans bei den Spielen bis mindestens Ende Oktober außen vor bleiben. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder hatten sich am Donnerstag geeinigt, dass eine Arbeitsgruppe in den kommenden beiden Monaten einen Vorschlag für den Umgang mit Fans bei bundesweiten Sportveranstaltungen erarbeiten soll.

Nichtöffentliches Training - in der englische Premier League ist das schon lange Alltag und viele Fans befürchten, dass Corona einer solchen Entwicklung auch in Deutschland Vorschub leistet. Beim FC Bayern waren vor Corona immer wieder Besucher bei den Übungseinheiten zugelassen. Zudem pflegte der Rekordmeister in der Vergangenheit die Tradition, dass Spieler in der Weihnachtszeit bei Fan-Clubs vorbeischauen. Keiner weiß, wann das wieder möglich sein wird. Das gilt auch für Freiheiten, wie sie sich Nils Petersen beim SC Freiburg gerne nahm: Der beliebte Torjäger stand nach Spielen oft noch lange für Selfies vor dem Schwarzwaldstadion - Szenen, die man so in den vergangenen Jahren nur noch selten sah im Profigeschäft.

Bei der noch weiter wachsenden Distanz zwischen der Anhängerschaft und ihren Lieblingsclubs wachsen natürlich auch die Befindlichkeiten. Dass Karl-Heinz Rummenigge den Triumph seines FC Bayern München in der Champions League - vor leeren Rängen - als "das größte Spektakel, was ich jemals erleben durfte", bezeichnete, kam in der Fan-Szene nicht gut an. Am Montag bedankten sich dann Präsident Herbert Hainer und Vorstandschef Rummenigge mit einem Schreiben bei den Münchner Anhängern. Rummenigge schob via "Bild" hinterher: "Es gibt eine Fußballkultur und zu dieser Fußballkultur gehört natürlich Emotion und Atmosphäre im Stadion. Deshalb müssen wir alle ein großes Interesse daran haben, dass so zeitnah wie möglich Zuschauer auch wieder im Stadion zugelassen werden."

Der Philosoph Wolfram Eilenberger sieht den künftigen Fußball gar ohne Stadionzuschauer. "80 bis 90 Prozent der Fußballfans sind keine Stadionfans, sondern Fernsehfans", sagte der 48-Jährige, Inhaber der DFB-Trainerlizenz, bei "MDR-Kultur". "Es ist auch absehbar, dass man den Soundteppich und die Geräuschkulisse künftig digital simulieren kann. Als Fernseherlebnis kann sich der Fußball - und das mag eine traurige Erkenntnis sein - wohl vom Stadionfan emanzipieren."

Zudem entstehe eine neue digitale Fankultur. Schon länger sei zu beobachten, wie wichtig Twitter und andere soziale Medien während eines Spiels seien. Dies werde nun durch die pandemiebedingten Geisterspiele noch befeuert.

Die Vereine bedienen zwar mehr denn je ihre Social-Media-Kanäle, um die Fans bei Laune und bei der Stange zu halten. "Unsere Kurve" warnt jedoch: "Wenn Vereine in ihrer Kommunikation weiterhin hauptsächlich die Vermarktung im Blick haben, ist das aus unserer Sicht eine falsche Schwerpunktsetzung und wird sich negativ auf das Verhältnis zu den Fans auswirken", sagt Breit. "Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit, dem Fußball wieder etwas Persönliches zu geben (...)?" Es gelte, trotz der physischen Distanz soziale Nähe herzustellen.

Das Fan-Bündnis erhofft sich da auch Veränderungen von der neuen Interessensgemeinschaft, die Profis um Mats Hummels, Sven Bender und Neven Subotic gegründet haben. "Statt sich immer weiter von seiner Basis zu entfernen, müssen Fans als elementarer Bestandteil des Fußballs anerkannt werden", fordert auch die Initiative "Unser Fußball", die sich für Reformen im Profigeschäft einsetzt.

"Den aktiven Fans im Stadion geht es mittlerweile gar nicht mehr um eine Nähe zu den Spielen. Sondern ihre Erwartung ist viel elementarer: Sie wollen als nicht wegzudenkender Bestandteil des Gesamtereignisses Profifußball anerkannt werden", meint KOS-Leiter Gabriel. Da Fanprojekte Fans und Vereine bei diesen demokratischen Prozessen unterstützen, sei es notwendig, hier noch mehr zu investieren. "Denn eine Erkenntnis der Corona-Zeit sowohl für Vereine, TV-Broadcaster und Sponsoren ist ja, dass das Fußballereignis ohne Zuschauer unglaublich an Attraktivität verliert."

© dpa-infocom, dpa:200827-99-335674/5

Initiative "Unser Fußball"