Magdeburg l Eine Fanmeile am Brandenburger Tor in Berlin wie bei der Fußball-WM wird es selbst beim Einzug der deutschen Handballer ins WM-Finale nicht geben. Dafür ist es im Januar einfach zu kalt. Obwohl. So herzerwärmend wie sich die DHB-Jungs ins Halbfinale gespielt haben, würden die Fans wohl auch bei Minusgraden für ihr Nationalteam bibbern. Denn Handball ist derzeit groß in Mode. Von Spiel zu Spiel stieg die Aufmerksamkeit. Von Sieg zu Sieg der Stolz auf die Jungs mit dem Adler auf der Brust. In den Kneipen rückt an den Stammtischen sogar der Fußball in den Hintergrund. „Man kommt am Handball derzeit nicht vorbei“, freut sich Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handballbundes.

So wie vor zwölf Jahren nach dem WM-Triumph im eigenen Lande. So wie nach dem EM-Titel 2016, als es für die deutschen Handballer sogar einen Empfang in der Berliner Schmelinghalle gab. Und dann? Handball-Ikone Stefan Kretzschmar: „Am Montag nach dem Finale geriet oft alles leider schon wieder in Vergessenheit.“

Dann interessierten sich in Deutschland wieder mehr Zuschauer für ein Fußballspiel in der 3. Liga. Es gab zwar eine Anmeldeflut in Handballvereinen. Aber weil Handballspielen in vielen Vereinen mit Zusatzkosten verbunden ist, blieb das oft nur ein kurzes Ausprobieren. So ist die Mitgliederzahl seit 2007 um rund 100.000 auf rund 750.000 gesunken.

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Eine echte Alternative zum Fußball

„Ich bin mir sicher, dass wir jetzt mehr daraus machen als nach dem WM-Titel 2007 “, meint Marc-Henrik Schmedt, der Geschäftsführer des SC  Magdeburg. „Die gesellschaftliche Basis hat sich verändert. Handball ist emotional und familienfreundlich. Da gibt es kein Jammern. Und die Leute wollen eine Alternative zum Fußball, fernab von goldenen Steaks und Stars im Privatjet.“

Die Handball-Tugenden kommen in der Bevölkerung an. Selbst Fußball-Trainer wie Freiburgs Christian Streich sind begeistert. Streich merkte an, dass man sportartübergreifend sehr viel lernen kann. So hart, wie die Handballer auf der Platte agieren und die Körper übersät von blauen Flecken sind, so fair und respektvoll gehen sie miteinander um. Da wird sich vor dem Spiel abgeklatscht. Da gibt es keine Schwalben, Rudelbildungen und lange Diskussionen mit Schiedsrichtern. Wenn zum Siebenmeter ein neuer Torwart auf die Platte kommt, bekommt er vom Schützen den Ball, damit er den kurz auftippen und durch seine Hände rollen lassen kann. Und Topspiele stehen für absolute Spannung und Dramatik.

„Neben dem reinen Ergebnis kommt auch das Auftreten und die Nahbarkeit der Handballer bei den Fans gut an“, meint Schmedt. Während sich bei den Fußballprofis neun von zehn Interviews voller Plattitüden gleichen, kommen Handballer noch mit einer ehrlichen Meinung daher.

Keine platten Interviews

Geduldig durchlaufen die Nationalspieler nach ihren Partien einen wahren Medienmarathon und beantworten mit gleichbleibender Freundlichkeit selbst eine zum x-ten Mal sich wiederholende Frage. Dass die Handballer voller Inbrunst die Nationalhymne mitsingen, kommt bei den Zuschauern ebenfalls gut an. Mit der gleichen Vehemenz wehren sich die Handballer aber auch dagegen, wenn sie für nationalistischen Populismus benutzt werden sollen. Dass im Handball-Nationalteam der Migrationsanteil niedriger als im Fußball ist, hat nur damit zu tun, dass in vielen Einwanderernationen der Handball keine Rolle spielt. Die Clubs dagegen sind Multi-Kulti-Teams. Beim SCM sind aktuell neun Nationen in der Bundesliga aktiv.

Während im Fußball die Millionengehälter schwindelerregende Höhen erreichen und selten zu rechtfertigen sind, wird das Einkommen von DHB-Kapitän Uwe Gensheimer als Spitzenverdiener auf rund eine halbe Million Euro geschätzt. Und selbst die Stars sind alle irgendwie zum Anfassen da. Schmedt: „Wir haben in unserem Sport auch wieder Typen entwickelt. So wie Matthias Musche beim SCM.“ Nach den großen Zeiten mit einem Typen wie Stefan Kretzschmar wird Magdeburg von der WM profitieren und sich als Marke weiter entwickeln.

Hanning ergänzt: „Wir sind jetzt auch von der Struktur her ganz anders aufgestellt als in den Jahren zuvor.“ Unter dem Motto „Perspektive 2020+“ wird der Verband seit Oktober 2017 neben dem Präsidum außerdem von einem Vorstand geführt. Der Marketingbereich wurde ebenfalls personell aufgestockt. Mit WM-Beginn wurde die Webseite des DHB schick gemacht. Auch über die sozialen Netzwerke sind die Handballer sehr aktiv. Facebook, Twitter, Instagram waren dagegen 2007 in Deutschland noch Fremdwörter. Schmedt: „Der Fußball bindet die junge Generation über Videospiele wie aktuell Fifa 19. So etwas brauchen wir im Handball jetzt auch.“

Rekorde bei TV-Einschaltquoten

Dass neben den bisher von Herning bis München schon in die Hallen gepilgerten 837.000 Besuchern der Rekord von 2007 mit damals 750.000 Zuschauern pulverisiert wurde, sorgt für ein ordentliches Plus in den Verbandskassen von Deutschland und Dänemark. Schmedt: „Entscheidender für die Nachhaltigkeit unseres Sports sind aber die Einschaltquoten im Fernsehen. Schön, dass die Öffentlich-Rechtlichen jetzt wieder sehen, dass es für Handball einen Markt gibt. Denn diese Reichweiten sind der Schlüssel dafür, dass Handball eine Nachhaltigkeit bekommt.“

Das vorentscheidende Hauptrundenspiel gegen Kroatien verfolgten im ZDF durchschnittlich 10,02 Millionen Zuschauer. In der Spitze waren es sogar 13 Millionen. Schmedt: „Mehr Bundesliga-Livespiele auch in ARD und ZDF würden den Handball in Deutschland für Sponsoren noch interessanter machen.“ ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann: „Wir wussten immer, dass Handball populär ist, aber sechs Millionen Zuschauer schon im Eröffnungsspiel gegen Korea haben uns ziemlich überrascht.“ Und wenn es Deutschland ins Finale schafft, dürfte am Sonntag auch der Allzeit-Rekordwert von 16,17 Millionen vom Finale 2007 zwischen Deutschland und Polen (29:24) geknackt werden.

Eine gute Basis, damit der Handball künftig nicht nur dank Kunstharz an den Händen der Spieler kleben bleibt, sondern auch in der Wahrnehmung über den Januar hinaus haften bleibt.