Rogätz.  Wer die gesamte schiffbare Elbe befuhr, durchquerte allein zehn deutsche Staaten, alle mit unterschiedlichen Anordnungen für Schiff, Besatzung und Ladung. Rogätz war zu dieser Zeit ein „Stapelplatz“ und damit ein wichtiger Markt. Schon lange forschen die Heimat- und Kulturfreunde Rogätz e.V. in der Geschichte ihres Ortes. Vor der Pandemie trafen sich die Mitglieder regelmäßig zu „Klönrunden“ mit Experten. Dabei fanden sie heraus, dass bei den Elbschiffern und Schiffseignern vor mehr als 200 Jahren die Belastung mit unterschiedlichsten Anordnungen für teils drückende Lasten finanzieller Art und für jede Menge Ärger und Verdruss gesorgt hatten. „Da war zum einen das Stapelrecht an verschiedenen Orten, zum Beispiel in Magdeburg und Rogätz“, so die Erkenntnis der Heimatforscher. Dieses Recht habe Händler verpflichtet, ihre Waren für einen bestimmten Zeitraum auf dem Stapelplatz abzuladen, zu „stapeln“ und anzubieten. „Zum anderen waren da Zollstationen mit entsprechenden Zöllen der jeweiligen Uferstaaten.“ Ebenfalls nicht zu unterschätzen sei die Willkür der einzelnen Schifffahrts- und Zollbeamten gewesen. Diese Bürde für die Schiffer sei schließlich im Jahr 1821 mit der Elbeschifffahrtsakte verschwunden, wodurch alle Elbzollämter abgeschafft wurden.

Convention über die Elbeschifffahrt

Das Vorhaben auf den Weg habe 1815 der Wiener Kongress gebracht. Dieser wollte zwischen den verschiedenen Staaten die gemeinsame Schifffahrt auf Flüssen durch Verträge regulieren. Aber erst vier Jahre später sei unter Beteiligung von Österreich, Preußen, Sachsen, Hannover, Dänemark, Mecklenburg, der anhaltischen Häuser und der freien Stadt Hamburg ein Treffen der Elbeschifffahrtskommissarien zu Dresden organisiert worden. Danach habe es noch weitere dreieinhalb Jahre gebraucht, bevor man sich endgültig geeinigt hätte. „Im Juni 1821 beschloss man die Convention über die Elbeschifffahrt in Dresden, am 1. März 1822 trat diese in Kraft. Die Schifffahrt genoss fortan in Bezug auf den Handel volle Freiheit.“

Auch die Rogätzer Zollstelle sei damit abgeschafft worden. „Die schon seit 1460 überlieferte sogenannte Hebestelle unterstand den Lehnsherren von Alvensleben“, berichten die Heimat- und Kulturfreunde. Dadurch sei auch der Schiffsverkehr erfasst worden. In den Jahren 1576 und 1578 habe der Amtmann insgesamt 626 flussabwärts fahrende, meist vollbeladene Schiffe registriert. „353 leichtere Kähne kamen in der gleichen Zeit flussaufwärts vorbei. Das bedeutendste Frachtgut jener Zeit war Getreide, vor allem Gerste, die man zum Bierbrauen benötigte.“

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Als das Bier zum Exportschlager wurde

Bald schon sei das Lebensmittel Bier weit über den eigenen Bedarf gebraut und somit dann ebenfalls exportiert worden. Genauso schipperten Weißkohl und Zwiebeln in Richtung Hamburg. Später sei das Sauerkraut zum Exportschlager geworden. „Außerdem kamen Salztransporte von Schönebeck entlang, aus Sachsen auch Mühl- und Bausteine, Leinwand, Zwirn, Papier und Bauholz. Zur Fracht gehörten außerdem Töpferwaren, lebende Schafe und Hennen. Zurück aus dem Norden wurden Waren aus Übersee transportiert, vor allem aber Fische.“

Schon vor 1800 erfassten die Pastoren im Kirchenbuch von Rogätz mehr als 100 Schiffer, Steuerleute und Schiffsknechte. Im 19. Jahrhundert lebten im Ort weit über 200 Familien, in denen Männer ihr Brot mit der Schifffahrt verdienten, darunter Kapitäne und Schiffseigner. Das Dorf wurde durch diesen Berufszweig nachhaltig geprägt. Davon zeugen bis heute viele schmale Hofeingänge. Große Auffahrten, wie sie für Fuhrwerke nötig waren, sucht man in Rogätz oft vergebens.

Nur noch zwei Schiffsführer aus Rogätz unterw

Habe es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch zahlreiche Schiffer gegeben, die mitunter samt Familie auf ihren Kähnen unterwegs waren, seien es nach Kriegsende 1945 immer weniger. „Viele Schiffseigner mussten ihren Besitz an die russischen Besatzer abliefern“, fanden die Heimatforscher heraus. Das Ende einer Rogätzer Tradition sei damit eingeläutet worden. „Heute sind noch zwei junge Schiffsführer aus Rogätz auf großen Flüssen, wie dem Rhein, unterwegs.“ Elbeschifffahrt habe ihre große Zeit gehabt: Vor 200 Jahren kam ihr Aufschwung, als es für die Schiffer hieß: „Freie Fahrt ohne Zoll!“

Diese und andere Geschichten werden im Buch „875 Jahre Rogätz“ erzählt, das der Heimat- und Kulturfreunde Rogätz e.V. im vergangenen Jahr herausgegeben hat. „Jetzt ist wieder frisch gedruckter Nachschub zu haben“, teilte die Vereinsvorsitzende Margitta Häusler mit. Das Buch kann über die E-Mail-Adresse huk-rogaetz@heimatfreunde-rogaetz.de oder auch telefonisch unter der Rufnummer 039208/24533 bestellt werden.