Berlin (dpa) - Das Schicksal der kleinen Giovanna hat ihn nie wirklich losgelassen. Es ist die Geschichte eines Schweizer Jungen und eines Flüchtlingsmädchens aus Italien in den Nachkriegs-Wirren - und eine Geschichte über die Auseinandersetzung mit dem Fremden.

Mehr als 70 Jahre später hat der Schweizer Regisseur Markus Imhoof ("More Than Honey") nun dieses Lebensthema wieder aufgriffen und seine persönliche Familiengeschichte mit der Flüchtlingsthematik unserer Tage filmisch verwoben. Seine Dokumentation "Eldorado" läuft außer Konkurrenz im Berlinale-Wettbewerb.

Briefe, alte Fotos und Kindermalereien aus der gemeinsamen Zeit helfen Imhoof (76) dabei, dem Zuschauer die besondere Geschichte aus Kindertagen zu erzählen. Damals kam das ein paar Jahre ältere Mädchen über das Rote Kreuz für einige Zeit in die Schweizer Familie, um der Not in ihrer italienischen Heimat zu entkommen.

Daneben: Überfüllte Boote vor der italienischen Küste, Menschen in schierer Todesangst und Helfer in Schutzanzügen samt Mundschutz auf einem Marineschiff. Dramatische und schonungslose Bilder der Flüchtlingsrettung auf dem Mittelmeer, die sich eingebrannt haben in das kollektive Gedächtnis, inzwischen aber auch bittere Routine geworden sind.

Der Bogen scheint weit gespannt, vielleicht zu weit? Kann man beide Welten wirklich miteinander vergleichen? "Mein Erlebnis als Kind mit Giovanna ist ja die Begegnung mit etwas Anderem", sagte der 76-Jährige der Deutschen Presse-Agentur kurz vor der Weltpremiere seiner neuen Doku am Donnerstag. "Ich lebe im Glück in der Schweiz, und es kommt ein Mädchen aus dem Krieg. Der Vater ist in Stalingrad verschollen, die Mutter ist krank in einem bombardierten Haus und sie spricht eine andere Sprache. Das ist die Grundsituation: die Begegnung mit dem Anderen." Und er ist sich sicher: "Die ist übertragbar."

In seiner Dokumentation zeigt Imhoof die ersten Schritte der heutigen Geflüchteten auf dem vermeintlichen Kontinent der Hoffnung: den Alltag im Erstaufnahmelager, wo sie nichts weiter tun dürfen, außer zu hoffen, dass die zuständige Kommission dem Asylantrag stattgibt. "Wir versprechen ihnen nicht das Paradies, aber es wird jeden Tag besser", so die Ansage eines Helfers. In vielen Fällen wird sich die Zusage nicht erfüllen. An geregelte Arbeit ist nicht zu denken. Für viele bleibt die Schwarzarbeit auf den Tomatenfeldern zu einem Hungerlohn. Es herrschen Frust und Angst, wieder zurückgeschickt zu werden.

Was das bedeuten kann, macht Imhoof immer wieder in seinen Rückblenden zur kleinen Giovanna deutlich: Nach einiger Zeit muss das Mädchen wieder zurück zur Mutter nach Mailand. Dort hat sie es denkbar schwer und wird ernsthaft krank. Noch einige Zeit bleiben die Kinder in Briefkontakt.

Die Flüchtlingsthematik ist nach wie vor präsent auf der Berlinale, auch in diesem Jahr. 2016 gewann Gianfranco Rosis Flüchtlingsdrama "Seefeuer" sogar den Goldenen Bären. In Konkurrenz zu dem Preisträgerfilm, ebenfalls eine Doku, sieht sich Imhoof indes nicht. Schließlich habe das Thema sehr viele Seiten. "Unser Blickpunkt war, diese Maschinerie zu zeigen", so Imhoof.

Bereits vor fast 40 Jahren war der Schweizer mit einem Film im Berlinale-Wettbewerb vertreten. 1981 gewann sein Spielfilm "Das Boot ist voll" über die Abschiebung jüdischer Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs aus der sicheren Schweiz zurück ins Deutsche Reich den Silbernen Bären. Der Film wurde später auch für den Oscar nominiert.

Schon damals habe das Buch zum Film eine Widmung für Giovanna, die Freundin aus Kindertagen, enthalten. "Es war meine erste Liebesgeschichte, aber auch eine meiner ersten Narben auf der Seele."

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