New York (dpa) - Der Film "The Farewell" beginnt mit einem Todesurteil: Eine ältere Chinesin lässt sich in einem Kernspintomographen durchleuchten und das Publikum erfährt danach, dass sie Krebs im Endstadium hat.

Drei Monate bleiben ihr noch zu leben. Weil "Nai Nai" (eine Verniedlichung von "Großmutter") aber so prall und zufrieden im Leben steht, entscheidet sich ihre Familie, der Frau nichts von der Diagnose zu erzählen. 

Zum Problem wird das besonders für ihre Enkelin Billi, umwerfend gespielt von Komikerin und Musikerin Awkwafina. In der Erfolgskomödie "Crazy Rich Asians" gab sie die quirlige beste Freundin, hier ist sie nun in einer ernsten Rolle zu sehen: Billi lebt seit früher Kindheit mit ihren Eltern in New York, liebt ihre Großmutter aber trotzdem innig. Als alle nach Changchun fliegen, um dort während einer Hochzeitsfeier mit der Großmutter zusammen zu sein, will der Clan das große Geheimnis nicht verraten - kein einfaches Unterfangen.

In einem schlechteren Film würde diese Ausgangslage entweder in ein schwermütiges Drama kippen oder zum schmalzigen Streichinstrumtente-Kitsch verkommen. Doch Regisseurin und Drehbuchautorin Lulu Wang erzählt den Stoff nach einer wahren Begebenheit, leicht und mit dem Blick für das Besondere im Kleinen - beispielsweise, indem sie immer wieder Essen saftig brutzelnd oder sanft köchelnd inszeniert, um so zu unterstreichen, wie sehr Kochen und Essen eine Kultur bestimmen können.

Regisseurin Wang ist außerdem an weniger offensichtlichen Fragen interessiert. Wer oder was stirbt eigentlich genau beim Tod einer geliebten Person? Wer erlebt welchen emotionalen Druck wenn die Eltern altern? Und wie unterschiedlich gehen Menschen aus östlichen und westlichen Gesellschaften mit solchen Fragen um? 

"The Farewell" verhandelt diese Fragen ruhig, findet teilweise aber zu wenig Mut, um die ungeschriebenen Regeln dieser Familie und der chinesischen Gesellschaft zu hinterfragen. Ins Belehrende verfällt der Film dabei allerdings genauso wenig wie in plumpe Gesellschaftsklischees. Auf diese Weise kreiert Wang eine kleine Perle, die realistisch das breite Spektrum zeigt, wie wir trauern. 

Besonders die 31 Jahre alte Awkwafina hätte für ihre Verkörperung der nostalgischen und leicht orientierungslosen Enkelin einige Preise der gerade aufziehenden Preis-Saison verdient. Ob aber in dem beginnenden Oscartrubel noch Platz ist für einen weiteren starken Film mit sehr asiatischem Thema, werden erst die kommenden Monate zeigen - zu dominant scheint da das mutigere, größere, durchgestyltere Gesellschaftsdrama "Parasite" aus Südkorea.

- The Farewell, USA 2019, 98 Min., FSK ab 0, von Lulu Wang, mit Awkwafina, Tzi Ma, Diana Lin, Shuzhen Zhou, Han Chen

The Farewell