Berlin (dpa) l Es war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Tausende und Abertausende jüdische Kunstsammler wurden von den Nazis skrupellos ihrer Schätze beraubt oder mussten sie zwangsweise weit unter Wert verkaufen. Dennoch dauerte es nach Kriegsende mehr als ein halbes Jahrhundert, bis sich zahlreiche Staaten bei einer Konferenz in Washington freiwillig verpflichteten, im Umgang mit NS-Raubgut eine „gerechte und faire Lösung“ zu finden.

20 Jahre nach der Verabschiedung der „Washingtoner Erklärung“ vom 3. Dezember 1998 kommen nun in Berlin rund 1000 Experten aus aller Welt zu einer Bestandsaufnahme zusammen. Auf Einladung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg wollen sie von heute bis Mittwoch über Chancen und Herausforderungen der sogenannten Provenienzforschung beraten – unter dem Motto „Wege in die Zukunft“.

Harte Debatte wird erwartet

Eine harte Debatte ist garantiert. Denn zur Eröffnung im Haus der Kulturen der Welt wird Ronald Lauder erwartet, der Präsident des World Jewish Congress, der die Interessen der Opfer und ihrer Erben vertritt.

Der US-Unternehmer hatte Deutschland erst kürzlich wieder vorgeworfen, trotz seiner historischen Verantwortung viel zu wenig für die Suche nach NS-Raubkunst zu tun. „Wir haben es immer wieder erlebt, wie Museen und Sammlungen versuchen, alles zu verbergen. Warum?“, fragte er in einem Interview der „Welt am Sonntag“.

Hinzu kommt, dass auch die Diskussion über den Umgang mit dem kolonialen Erbe durch einen Bericht aus Frankreich neue Brisanz bekommen hat. Die federführende Autorin Bénédicte Savoy ist ebenfalls gleich für den ersten Tag als Rednerin angesagt.

In dem vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Auftrag gegebenen Report hatte die Kunsthistorikerin am Freitag empfohlen, praktisch alle Kunstwerke aus der Kolonialzeit an die Herkunftsländer in Afrika zurückzugeben. Mit Spannung wird erwartet, wie weit Deutschland sich den französischen Überlegungen anschließt.

Kolonialkunst soll NS-Zeit nicht überschatten

Allerdings: Bei der Konferenz dürften die Beteiligten sich wohl bemühen, das Thema nicht zu stark in den Vordergrund treten zu lassen. Denn auf jüdischer Seite gibt es schon länger Befürchtungen, die ausstehende Aufarbeitung der Kolonialverbrechen könne das Bewusstsein für die beispiellose Verantwortung Deutschlands aus der NS-Zeit in den Hintergrund drängen.

Gilbert Lupfer, wissenschaftlicher Vorstand des Zentrums Kulturgutverluste und Gastgeber der Konferenz, mahnt deshalb unverminderte Aufmerksamkeit an. „Provenienzforschung muss weiter intensiviert, professionalisiert und international besser vernetzt werden“, sagte er. Das sei ein zentrales Anliegen der Konferenz. Zudem suche man nach Wegen, auch kleine Museen, private Sammler und den Kunsthandel stärker für die Aufklärungsarbeit zu gewinnen.

Gurlitt-Funde sorgten für Schlagzeilen

Wie sehr Deutschland bei dem Thema unter Beobachtung steht, hat vor wenigen Jahren der „Schwabinger Kunstfund“ gezeigt. Bei dem Münchner Eigenbrötler Cornelius Gurlitt, dem Sohn eines bekannten NS-Kunsthändlers, hatte die Justiz eine hochkarätige Sammlung beschlagnahmt, die unter Raubkunstverdacht stand. Weltweit hagelte es Schlagzeilen, von einem „milliardenschweren Nazi-Schatz“ war die Rede.

Inzwischen hat sich die Sensation längst als Sensatiönchen entpuppt. Trotz jahrelanger Forschung konnten Experten bisher nur bei sechs der gut 1500 Werke klar NS-Unrecht nachweisen. Immerhin vier der geraubten Bilder wurden inzwischen an die Erben der einstigen jüdischen Besitzer zurückgegeben.

Washingtoner Erklärung als Grundlage

Grundlage für solche Verfahren ist die „Washingtoner Erklärung“, auf die sich auf Einladung der damaligen US-Außenministerin Madeleine Albright 44 Staaten, zwölf nicht-staatliche Organisationen und der Vatikan vor 20 Jahren verständigt hatten.

Zur Umsetzung verpflichteten sich die Bundesregierung, die Länder und die kommunalen Spitzenverbände ein Jahr später in einer gemeinsamen Erklärung, die Suche nach Zweifelsfällen voranzutreiben.

„Den jeweiligen Einrichtungen wird empfohlen, mit zweifelsfrei legitimierten früheren Eigentümern bzw. deren Erben über Umfang sowie Art und Weise einer Rückgabe oder anderweitige materielle Wiedergutmachung (...) zu verhandeln“, heißt es in der Erklärung von 1999, die allerdings rechtlich nicht bindend ist.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sieht Deutschland deshalb in einer bleibenden moralischen Verpflichtung. In einem Grußwort zu der weitgehend aus ihrem Etat finanzierten Konferenz mahnt sie: „Aktuelle extremistische Tendenzen zeigen, wie wichtig es ist, sich weiterhin mit den Auswirkungen totalitärer Herrschaft auseinanderzusetzen, in der Aufarbeitung nicht nachzulassen und die Erkenntnisse künftigen Generationen weiterzugeben.“