Halle (dpa) l Drei Tage hat sie an Adolf Hitler gearbeitet. Zuerst goss sie seinen Kopf, knetete ihm ein Gesicht, setzte zwei blaue Glasaugen ein und klebte ihm Bart und Seitenscheitelfrisur an. Ab 12. März soll er neben Figuren wie Josef Stalin, Sigmund Freud und Thomas Mann auf der Bühne des Puppentheaters Halle stehen, berichtet Louise Nowitzki.

Die gelernte Bildhauerin und Schauspielerin ist Puppenbauerin in der hauseigenen Werkstatt. Für das neue Stück mit dem Titel „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ hat sie 16 Miniatur-Ausgaben bekannter Künstler, Denker und Diktatoren der klassischen Moderne gebaut. Ein langes Leben im Rampenlicht steht den Figuren aber wohl nicht bevor.

Vor etwa zwei Jahren hat Nowitzki die Leidenschaft für den Bau der Puppen entdeckt. „Sie müssen leicht und robust sein, sonst halten sie und die Puppenspieler nicht lange durch“, erklärt die Mittdreißigerin. Sie weiß, wovon sie spricht. Denn die charismatische Frau steht selbst als Puppenspielerin auf der Bühne. Auch in dem neuen Stück wird sie eine von fünf Akteuren sein.

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Meist bewegen zwei bis drei Spieler gemeinsam eine Figur. „Einer hält beispielsweise den Kopf und den linken Arm, der andere die rechte Hand und der nächste die Beine“, sagt sie. Die Puppen brauchen daher keine Fäden wie Marionetten. Sie nimmt Sigmund Freud mit seinem grauen Rauschebart in die Hand und lässt ihn nicken. Gelenke aus Gurtbändern machen den Mini-Psychologen beweglich.

Auf der Bühne zählt aber nicht nur die große Geste. Gerade der Gesichtsausdruck erweckt eine Figur zum Leben. „Der Kopf ist meist etwas größer als der Körper“, erklärt die Puppenbauerin. Für das neue Stück nach der Buchvorlage von Florian Illies habe sie versucht, die Gesichter „hyperrealistisch“ zu gestalten. Markante Merkmale wie Hitlers Bart oder Stalins ernster Blick hat sie besonders betont. Dadurch wirkten sie zwar ein wenig wie Karikaturen, seien aber gleichzeitig auch leichter zu erkennen, erklärt Nowitzki.

Als Vorlage nutzt sie Fotografien aus dem Internet – „möglichst viele und aus verschiedenen Perspektiven“, sagt die Puppenbauerin. In der Werkstatt, die unter dem gleichen Dach ist, kleben Bilder von Sigmund Freud und Kaiser Wilhelm an einer Holzzeile. Auf der Werkbank davor stehen Pinsel, Farben und jede Menge Stäbe. Die Gesichtszüge werden mit einer speziellen Knete geformt, anschließend in einem Ofen gehärtet und bemalt.

Die Mini-Anzüge schneidert die hauseigene Kostümbildnerin Angela Baumgart. Die Glasaugen kommen von einer Firma aus dem thüringischen Lauscha. Auch die Haare sind handgeknüpft.

Nowitzki macht die Arbeit gern. Im Sommer, wenn die Tür zum Arbeitsraum weit offen stehe, würden ab und zu neugierige Passanten an ihren Platz schlendern, zuschauen und mit ihr reden. Das Puppentheater Halle zeige als einziges Figurenspiel im Land überwiegend Stücke für Erwachsene, erklärt Theater-Sprecherin Franziska Blech. Derzeit sei etwa „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ oder „Konzert für eine taube Seele“ für die Großen zu sehen.

Neben dem Puppentheater Halle gibt es auch andere Spielorte im Land – etwas das Puppentheater Magdeburg, das Figurentheater Märchenteppich in Halle sowie ein Figurentheater in Quedlinburg, das allerdings bis Ostern pausiert, und Aufführungen in Naumburg.

Die liebevoll gefertigten Puppen aus Halle werden in einem Archiv für spätere Auftritte gesammelt – außer bei der anstehenden Produktion. Für je rund 2000 Euro können die Figuren gekauft werden, erklärt Blech. Das sei ein Experiment. Die meisten Puppen haben bereits einen neuen Besitzer, der sie bekommt, sobald das Stück nicht mehr gezeigt wird. Nur Adolf Hitler und Stalin warten bislang vergebens.