Magdeburg l Fritz Langs Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ sorgte 1931 für Furore und ging als Meilenstein in die Filmgeschichte ein. Das Magdeburger Puppentheater brachte den Stoff nun als Uraufführung auf die Bühne.

Gemeinsamkeiten gibt es nicht viele. Edvard Griegs musikalisches Motiv aus der Halle des Bergkönigs aus seiner Schauspielmusik zu „Peer Gynt“ ist das zentrale Element des Films. Das ist auch schon fast das einzige Element, das Regisseurin Roscha A. Säidow aus dem Fritz-Lang-Film übernimmt. Dennoch erzählt sie ihre Version eng am Drehbuch des Films.

Behutsame Aktualisierungen zeigen „besorgte“, aber sensationsgeile Bürger, Bürgerwehren, Hilfspolizisten und eine Medien-Dauerpräsenz. Sieben grell geschminkte verschrobene Gestalten agieren auf die Bühne und erzählen die Geschichte des Kindermörders Hans Beckert.

Unter Zuhilfenahme von unzähligen Puppen (Magdalena Roth), die eigens zu diesem Zweck aus scheinbar beliebigen Fundstücken von den seltsamen bösen Clowns selbst zusammengezimmert scheinen.

Schimmelgrüne Masken

Manchmal, wie bei den Figuren des Ministers und des Kommissars Lohmann, reibt man sich verblüfft die Augen und muss zweimal hinschauen, wie die Puppen mit den Menschenköpfen der Darsteller überhaupt geführt werden. In anderen Fällen reichen schimmelgrüne Gummimaske und schneidende Stimme, um dem Unterweltschef Schränker (brillant: Richard Baborka) eine diabolisch-demagogische Präsenz zu verleihen. Die kastenförmige Bühne von Ausstatterin Julia Plickat ist eine Mischform aus düsterem Dachboden, Hobbykeller und Rumpelkammer mit aufgesetzter Terrasse. Dort spielt die Band, dort lassen sich per Vorhang Spielräume schaffen oder Projektionsflächen, auf denen Schattenspiele per Overheadprojektor für eine zusätzliche Ebene sorgen.

Anders als im Film, in dem die übergroßen panischen Augen eines genialen Peter Lorre ständig präsent sind, taucht der Mörder in Säidows Inszenierung aber bis zum Schluss nie auf. Sein Text wird vom Ensemble gemurmelt, jeder könnte es gewesen sein. Alfred Hitchcocks „Psycho“ lässt grüßen, wenn die Wind- und Nebelmaschinen des Theaters und wehende Plastikvorhänge den kalten Hauch der Mörderhand physisch spüren lassen.

Der Kommissar sächselt

Säidow versteht es auf meisterhafte Weise, Szenen filmisch aneinander zu schneiden, und zwar mit einer so extremen Fallhöhe, die atemlos macht. So lässt sie auf die fast kabarettistische Nummer mit stark sächselndem Kommissar (Leonhard Schubert), Slapstick und Anleihen aus dem Mitmach-Kindertheater Claudia Luise Boses Song des in seinem eigenen Wahn gefangenen Mörders folgen.

Dem schmissigen Puffmuttersong von Anna Wiesemeier folgt übergangslos das stille Lied für das nächste Opfer: „Ein Kind geht verloren.“ Die Musik von Roscha A. Säidow und Andres Böhmer spielt eine große Rolle, von bigbandartigem Sound über zarte Soli und Duos bis hin zu mehrstimmigen choralartigen Sätzen, ein wenig Operette ist auch dabei. Nie zum Selbstzweck, sondern genau dosiert und mit Hingabe gesungen und musiziert mit allen Instrumenten, die die Spieler so drauf haben: Klavier, Saxofon, Gitarren, Akkordeon.

Uneingeschränkter Höhepunkt der reifen Ensembleleistung aber ist der Schluss mit der lebensgroßen Puppe des geschnappten Mörders, die statt eines Kopfes ein leeres Metallgestell hat. Und da der berühmte, unter die Haut gehende Verteidigungsmonolog Peter Lorres aus dem Film einfach nicht getoppt werden kann, wird er hier vom Band eingespielt. Dazu ziehen die Darsteller Schubladen aus dem Bauch der Puppe auf, mit den Opfern des Mörders.

Und wie, um noch eins draufzusetzen, lässt die Regisseurin die absurde „Gerichtsverhandlung“ der Unterwelt mit den Stimmen des Anklägers Schränker, dem Verteidiger und den betroffenen Müttern mit äußerster Sachlichkeit berichten und holt das Thema angesichts tagesaktueller Fälle endgültig ins Heute und übergibt es dem Publikum. Großes Kino, großer Applaus. Hingehen!