Magdeburg l Jazz lebt von der Improvisation. Und die Veranstalter der „Magdeburger Jazztage jetzt“ beherrschen das ebenfalls. Als der Amerikaner Roy Hargrove am Sonnabendabend wegen einer schweren Krankheit aus New York nicht anreisen konnte, fanden sie innerhalb der Europa-Tournee von „Sun Ra Arkestra“ einen freien Termin und lotsten Marshall Allen mit seinen weltbekannten Musikern kurzerhand nach Magdeburg. Ein mehr als glücklicher Zufall.

Zwar wussten die zehn Ausnahmemusiker um ihren Bandchef wegen der überstürzten Reise nicht genau, wo sie sich gerade befanden, aber das machten sie mit einem Konzert der Sonderklasse hervorragend wett.

Fantasievolle ägyptische Verkleidungen

„Sun Ra Arkestra“ ist keine Jazzband wie jede andere. Der 1993 verstorbene Amerikaner Sun Ra, der eigentlich Herman „Sonny“ Blount hieß, gilt als einer der Wegbereiter des Free Jazz. Niemals angepasst, polarisierte der Exzentriker als Komponist, als Musiker, als Philosoph und Poet. Man verehrte oder hasste ihn, aber gleichgültig war er keinem. 1952 legte er seinen Geburtsnamen ab, nahm den Namen Sun Ra an (Ra ist der Name des antiken ägyptischen Sonnengotts) und leitete eine Band mit ständig wechselnder Besetzung, die als „Arkestra“ bekannt wurde. Marshall Allen übernahm diese Tradition der höchst fantasievollen ägyptischen Verkleidungen aller Künstler, ist einer der profiliertesten Saxofonisten und wird heute als über 90-jähriger Maestro von den Bandmitgliedern verehrt.

So wie der Gründer versicherte, nicht von dieser Welt zu sein und mit dem „Cosmic Jazz“ sogar eine eigene Stilrichtung schuf, so konsequent musizierten auch seine „Jünger“ beim Konzert im Magdeburger Gesellschaftshaus in diesem Sinne. „Space is the Place“ ist einer der bekannten Titel, der auch einem Album den Namen gab, den „Sun Ra Arkestra“ gleich zu Beginn des Konzertes programmatisch darbot. Das Spiel wechselt dabei von einer enormen musikalischen Exaktheit, die fast an eine Bigband erinnert, innerhalb weniger Töne in die völlig freie Improvisation.

Entschwunden mit dem Klang der Flöte

Auffallend dabei ist, dass die Instrumente höchst flexibel genutzt werden. Da wird mit Tenor- und Bass-Saxofon schon mal der Rhythmus bestimmt, während die Querflöte bei „It´s Springtime again“ Vogelstimmen imitiert. Bandleader Marshall Allen hingegen bemüht neben seinem genialen Saxofonspiel ein elektronisches flötenartiges Instrument, um Sphärenklänge zu erzeugen. Michael Ray spielt nicht nur großartig Trompete und singt, sondern verblüffte an diesem Abend die Zuhörer mit einer artistischen Einlage. Seite 1978 gehört er zu „Sun Ra Arkestra“, ist immerhin Jahrgang 1952, was ihn aber nicht abhielt, mit Salti zwischen den Trompetenstößen für ungläubiges Staunen zu sorgen. Der Sun-Ra-Gedanke, dass man nicht von dieser Welt sei – für diese Band könnte man es fast glauben.

So verabschiedet man sich auch vom begeisterten Publikum mit „Space is the Place“ und entschwindet ganz langsam, Sängerin und Mann für Mann, scheinbar im Weltraum. Nur die elektronische „Flöte“ von Marshall Allen bleibt mit ihren Sphärenklängen. Man mag den Musikern nicht zugestehen, aus anderen Sphären zu stammen, für ihre Musik könnte man es fast glauben.