Das Schloss Wernigerode

Schloss Wernigerode war ursprünglich eine mittelalterliche Burg, die den Weg der deutschen Kaiser des Mittelalters auf ihren Jagdausflügen in den Harz sichern sollte. Eine erste Burganlage wurde Anfang des 12. Jahrhunderts über der Stadt Wernigerode errichtet. Die Anlage hat im Laufe ihrer Geschichte zahlreiche Änderungen miterlebt.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde sie verwüstet. Graf Ernst zu Stolberg-Wernigerode begann im späten 17. Jahrhundert mit dem barocken Umbau der Burgreste zu einem romantischen Residenzschloss.

Der politische Aufstieg des Grafen Otto zu Stolberg-Wernigerode bis hin zum Stellvertreter Bismarcks als Vizekanzler des Deutschen Reiches und stellvertretenden preußischen Ministerpräsidenten war Grund für den großen historischen Umbau, der ab 1862 bis 1885 vorgenommen wurde. Das Schloss wurde zu einem Leitbau des norddeutschen Historismus. Architekt war Carl Frühling.

Schloss Wernigerode ist mit den drei zugehörigen Garten- und Parkanlagen (Lustgarten, Tiergarten, Terrassengärten) seit 1999 national wertvolles Kulturdenkmal und Bestandteil des sachsen-anhaltischen Landesprojektes „Gartenträume“.

Seit 1930 ist das Schloss in Teilen der Öffentlichkeit zugänglich. Im Innern sind fast 50 Räume in zwei Rundgängen zu besichtigen.

Geöffnet ist das Schloss täglich von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene 7 Euro, erm. 6 Euro, Kinder 3,50 Euro.

(Quelle: Schloss Wernigerode)

Wernigerode l Märchenhaft thront das Schloss auf dem Berg. Weit ist der Blick über Wernigerode und die Wälder am Fuße des Brocken. In all den Jahrhunderten wurde immer wieder umgebaut, zuletzt 1919 durch Fürst Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode (1864–1941). Zu jener Zeit, als der Erste Weltkrieg zu Ende war und Walter Gropius in Weimar das Bauhaus gründete, ließ sich auch der Fürst im Schloss von der Aufbruchstimmung anstecken und ließ Räume modernisieren – ganz im Stil des Art Déco, einer Kunstströmung voller Ambivalenz. Sie steht für vielfältige Einflüsse, historische Vorbilder, hochwertige Materialien, auffallendes Dekor. Trotz all des Schwelgerischen finden sich auch Formen der klassischen Moderne.

Engagiert wurde der Kunsttischler Wilhelm Kimbel (1868–1965), den man heute eher als Innenraumgestalter bezeichnen würde. Kimbel war hochgeschätzt in der Branche. Die Firma, die er gemeinsam mit seinem Partner Friedrichsen führte, beschäftigte um die 150 Leute. Auftraggeber waren Kaiser Wilhelm II., Literatur-nobelpreisträger Gerhart Hauptmann, Hapag Lloyd mit seinen Luxuslinern und Lorenz Adlon. Kimbel hatte für das gleichnamige Hotel Unter den Linden mehrere Räume ausgestattet, darunter den Speisesaal und die Bar. Später folgte der Auftrag für Schloss Wernigerode.

Gerhart Hauptmann am Stehpult

Fünf ausgestattete Räume sind dort erhalten, darunter die Grüne Henrichskammer. Kimbel begradigte Türrahmungen, gestaltete Wände neu, ebenso die kassettierte Decke und die Verkleidung der Heizkörper. Im grünen Seiden-Damast sind Rokoko-Motive sichtbar. „Dieser Raum zeigt deutlich, wie die Stile ineinandergreifen, wie das 18. Jahrhundert Inspiration war“, sagt Melitta Jonas, die gemeinsam mit Schloss-Geschäftsführer Christian Juranek und Ulrich Feldhahn die Ausstellung kuratiert hat.

Bilder

Kimbels Anspruch: ein Raum als Gesamtkunstwerk. Dazu gehören auch Möbel, die für die jetzige Ausstellung auf Zeit eingezogen sind. Das sogenannte Trarbach-Zimmer des einstigen Berliner Weinhändlers Werner Kressmann zog nach Wernigerode mit seinen Stühlen wie im Biedermeier und Schränken mit kubischem Korpus. Historische Elemente durchmischen sich ebenso in den beiden Kimbel-Kommoden aus der einstigen Dienstvilla der Bundesaußenminister. Von Dramatiker Hauptmann, der Kimbel einst zu Ruhm verhalf, ist das vom Tischler-Guru geschaffene funktionelle Schreib-Stehpult ausgestellt. Wie Hauptmann daran arbeitete, zeigt eine Zeichnung. In seinem Roman „Wanda“ hat der Schriftsteller Kimbel verewigt.

400 Exponate sind in der Sonderausstellung „Art Déco – Kunst des Historismus?“ zu sehen, darunter etliche Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen. Die Leihgeber kommen unter anderem aus Berlin, Dresden und New York. Sie ermöglichen mit ihren zur Verfügung gestellten Exponaten nicht nur einen Blick auf die Zwanziger Jahre, sondern auf die von den Ausstellungsmachern auch provokant gefragte Beziehung des Art Déco zum Historismus.

Die ganze Welt ist versammelt

Das Schloss ist ein Historismus-Bau mit der typischen Verquickung verschiedener Stilrichtungen. Juranek sieht das Schloss da ganz dicht am Art Déco. Er spricht von einer Parallelströmung, einer Gegenbewegung zum Bauhaus. Das wird im 100. Gründungsjahr gefeiert für seine Kreativität und seinen Funktionalismus, während die zahlreich zusammengetragenen Porzellan-, Glas- und Keramikarbeiten in den Schlossräumen mit ihrer Verspieltheit und Ornamentik von einer ganz anderen Stilistik jener Zeit erzählen.

Etliches an Mobiliar wurde mühevoll aufs Schloss geschafft. Gut vertreten ist auch Mode, die mit zunehmender Konsumorientierheit in den 1920ern eine gewichtige Rolle spielte. Juranek spricht von der Geburtsstunde des Shoppings. Stark abstrahierte Figuren als Schaufensterpuppen mit bügelartigen Armen sollten das neue Kaufgefühl ansprechen. Einer der wichtigen Leihgeber ist der Trierer Modedesigner und Sammler Ralf Schmitt. Von ihm sind Taschen, Schuhe und Hüte zu sehen, eine Puderquaste aus Schwanenfedern, Damenstrümpfe aus Seide und wertvolle, bis zu vier Kilogramm schwere Perlenkleider. Letztere zieren den Festsaal. Dort wurde von der sieben Meter langen Tafel das Silber abgeräumt (nur für die Zeit der Ausstellung, wie Juranek betont) und mit dem Hochzeitszug des Bildhauers Adolph Amberg bestückt. Das Ensemble aus 20 eleganten Figuren und Leuchtern war als Tafeldekoration für die Hochzeit des preußischen Kronprinzen Wilhelm mit Herzogin Cecilie zu Mecklenburg-Schwerin 1905 konzipiert. Die Figuren stellen Ägypter dar, Kurden, Japaner, Griechinnen. „Die ganze Welt ist hier versammelt“, sagt Juranek mit Blick auf den Tisch und nicht ohne Stolz, dass dieses Gesamtkunstwerk im Schloss präsentiert werden kann. Schließlich geschah das letztmalig bei der Großen Berliner Kunstausstellung 1911. Wer den Katalog zur Hand nimmt, erfährt: Dieser Hochzeitszug darf als Schnittstelle zwischen Historismus, Jugendstil und Art Déco verstanden werden.

„Art Déco“ im Schloss Wernigerode ist bis zum 3. November zu sehen. Im Verlag Janos Stekovics ist ein aufwendig gestalteter Katalog erschienen.