Wer versucht, den Musikstil von AnnenMayKantereit in Worte zu fassen, nimmt sich vor, eine Inhaltsangabe zu schreiben, ohne dabei wirklich auf den Punkt zu kommen. Die Kölner Blues-Rock-Band mit Hang zu einprägsamen Pop-Sounds animiert mal zum Tanzen, mal zum melancholischen Grübeln und fast immer zum Mitsingen. Auch in der ausverkauften Magdeburger Getec-Arena überzeugten die Kölner mit ihrer minimalistischen Bühnen-Show und der Einfachheit ihrer Texte. Das Kapital der Band: die tiefe, unverkennbare Stimme von Henning May.

Volksstimme: Im September habt Ihr verkündet, eine fünfmonatige Pause einzulegen. Dann habt Ihr Eure Fans Anfang Februar mit der neuen Single „Ausgehen“ überrascht. Das Video habt Ihr selber gedreht. Sind Pausen einfach nicht Euer Ding?

Henning May: Wir nehmen uns immer vor, Pause zu machen, aber sobald wir wieder mehr Zeit haben, passiert es dann halt trotzdem, dass wir wieder beim Songschreiben sind. Wir haben uns diesmal mehr Zeit gelassen mit den Songs. Das Video ist einfach so passiert. Wir haben uns Videoschnipsel hin und her geschickt, ein bisschen rumgealbert und dachten dann: Ja, das können wir ja eigentlich auch nehmen.

Wie ist die Entstehungsgeschichte zu „Ausgehen“?

.„Ausgehen“ war für uns eine neue Art, einen Song zu machen, weil Chrisi und Sevi (Christopher Annen und Severin Kantereit, Anm. d. Red.) die musikalische Grundstruktur des Songs am Computer zusammengebaut haben. Fast immer jammen wir eigentlich erstmal und entwickeln Songs eher mit der Gitarre. „Ausgehen“ haben wir nicht auf einer Live-Ebene entwickelt, sondern den haben Chrisi und Sevi am Computer gebaut. Erst, als der Song fertig war, haben wir zum ersten Mal überlegt, wie wir den live spielen können. Das ist sozusagen unser erster Computer-Song.

 Bei „Ausgehen“ denkt man sofort: Ja, das ist AnnenMayKantereit. Wie wichtig ist es Euch, Eurem Sound treuzubleiben?

Ich möchte nicht arrogant klingen, aber ich habe das Gefühl, wir haben uns musikalisch sehr verändert. Ich singe viel besser als vor fünf Jahren, Chrisi macht nochmal viel bessere Sachen und Sevi hat ganz andere Ideen. Wir machen weniger rumplige Straßenmusik und sind besser darin geworden, Balladen zu schreiben. Von außen wird gern gesagt, so ist AnnenMayKantereit, aber aus unserer Sicht haben wir uns total verändert.

Eure Songtexte gelten als ehrlich, authentisch. Bei „Hinter klugen Sätzen“ geht es um eigene Fehler und Unsicherheiten. Wie viele Selbstzweifel trägst Du mit Dir herum?

Selbstzweifel kommen wellenartig. Immer, wenn ich ein Konzert spiele, weiß ich, warum ich das tue. Das fühlt sich gut an, dann bin ich von dem, was ich mache, überzeugt. Aber wenn ich, wie zum Beispiel bei der fünfmonatigen Pause, mal wieder die anderen Seiten des Lebens spüre, wenn sich der Blick wieder für andere Leute, andere Existenzen und Probleme öffnet, dann frage ich mich manchmal, ob Musik ...(überlegt lange) ... Ich will nicht sagen, dass ich die Musik, die ich dann schreibe, blöd finde, aber ich finde die auf jeden Fall weniger gut. Dann höre ich irgendwelche Aufnahmen und denke: Bor, ist das schrecklich. Was habe ich da wieder falsch gemacht?

Einfach, weil mehr Zeit zum Reflektieren bleibt?

Ja, wenn die Tage nicht mehr so durchgetaktet sind und wenn man dann nichts hat, auf das man den eigenen Fokus komplett richten kann, dann fällt es einem manchmal schwer, sich damit zufrieden zu geben, dass man sich einfach Mühe gegeben hat. Mir sagen so viele Leute ständig, dass ich so toll singen kann, aber in diesen Momenten denke ich, mmh, ich habe gerade gar nicht den Eindruck.

Im Interview hast Du mal gesagt: „Wenn mich Leute als melancholisch beschreiben wollen, dann sollen sie das machen. Ich habe nicht das Bedürfnis, wirklich als der gesehen zu werden, der ich bin. Das ist ein Kampf, den man nur verlieren kann.“ Das klingt wenig optimistisch. Brauchen wir alle mehr Optimismus?

Das ist eine sehr allgemeine Frage, die ich auf keinen Fall beantworte. Ich kann nicht für alle sprechen. Du wertest das als pessimistisch, ich eher als pragmatisch. Erstens will ich gar nicht, dass die Leute mich zu 100 Prozent kennen. Zweitens denke ich, dass es jedem irgendwie freistehen sein sollte, etwas in die Künstlerperson hineinzuinterpretieren. Ich sage eher, ich habe immer versucht, total ich zu sein und mich so wenig wie möglich zu verstellen. Ich habe lange versucht, auch mit Leuten, die mich komplett missverstanden haben, voll gut klarzukommen. Aber an einem bestimmten Punkt habe ich gemerkt, dass ich als Person, die in der Öffentlichkeit steht, den Anspruch aufgeben muss, dass alle einen ähnlichen Eindruck von mir haben. Alle haben einen ganz individuellen Blick und jeder sieht was anderes in mir. Man sollte eher Energie dafür verwenden, bei sich selbst zu bleiben. Wenn man dann auch noch versucht, dass das alle anderen mitkriegen, wird das echt eine anstrengende Angelegenheit.

Was assoziierst Du mit Magdeburg?

Felix Römer. Der hat hier immer einen Poetry-Slam gemacht. Als wir das letzte Mal in Magdeburg waren, haben wir eine ganz kleine Show gespielt. Felix hatte Kumpels da und auch Clemens von Milky Chance (Clemens Rehbein, Anm. d. Red.) hat uns besucht, weil Kassel nicht weit ist. Mit Magdeburg verbinde ich immer das Treffen mit Freunden. In vielen Städten kenne ich zum Beispiel niemanden, aber in Magdeburg treffe ich immer unheimlich viele Leute. Keine Ahnung, woran das liegt, aber das finde ich gut.

Die letzte und vielleicht wichtigste Frage für Eure Fans: Wann ist mit Eurem neuen Album zu rechnen?

Wir spielen jetzt erstmal die Tour und müssen die Songs zu Ende schreiben. Wir spielen mit dem Gedanken, nächstes Jahr ein Album rauszuhauen, weil wir 2021 auch zehn Jahre Band-Jubiläum haben.