Magdeburg l Seit 1998 läuft die Serie „In aller Freundschaft“ im Ersten und seit 20 Jahren ist Thomas Rühmann, der gebürtige Altmärker, dabei – als Klinikleiter, Ärztlicher Direktor, Chefarzt der Chirurgie, Leitender Oberarzt der Chirurgie. Bernd Kaufholz sprach mit dem Schauspieler im Interview:

Volksstimme: Wie sind Sie vor 20 Jahren zu der Langzeitrolle als Arzt in der Sachsen-Klinik gekommen?

Thomas Rühmann: Über den ganz normalen Weg, über ein Casting. Ich wurde eingeladen und habe mit einigen Kollegen zusammen Szenen gespielt. Dabei traf ich auch gleich auf Hendrikje Fitz, die bis zu ihrem Tod im April 2016 die Rolle der Physiotherapeutin Pia Heilmann gespielt hat.

Können Sie sich noch an Ihre erste Szene bei „In aller Freundschaft“ erinnern?

Ja, das war ein Verkehrsunfall an meinem ersten Drehtag. Ich wurde als Notarzt gerufen. Und zufällig kam dann auch die weibliche Hauptrolle der Serie, Ina Rudolph, die in 51 Folgen die Anästhesie-Oberärztin Marianne „Maia“ Dietz spielte.

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Was macht aus Ihrer Sicht den Reiz und den großen Erfolg der Serie aus?

Es ist eine Krankenhaus-Serie, die das hat, was solche Serien spannend macht. Zugleich ist es eine Familien-Serie. Sie gibt viele Einblicke in das Privatleben – besonders in das der Ärzte. Ich denke, diese Verbindung ist sehr reizvoll. Man hat die gesamte Bandbreite der Dramatik der Leben-Tod-Phase eines Krankenhauses und zugleich den Alltag der Figuren. Die Zuschauer erkennen sich wieder.

Viele Schauspieler sterben den Serientod, weil sie sich verbrannt fühlen. Sie meinen, dass sie nach längerer Zeit in einer Serien-Rolle nur noch damit identifiziert werden. Sie auch?

Das Problem habe ich nicht, weil ich neben der Serie genug andere Sachen mache. Ich bin wahrscheinlich ein wiederholender Typ, der eine Serie gut aushalten kann. Kollegen, die aussteigen, kommen oft mit dem Pensum nicht klar – zugegeben eine ganz schöne Knochenarbeit. Und sie können das Festgelegtsein auf einen Charakter, der sich in keiner Folge verändert, nicht gut ab.

Wie ist nach 20 Jahren die Stimmung im Team? Nervt man sich nach mehr als 800 Episoden?

Ich vermeide immer die Bezeichnung „freundschaftliches Miteinander“. Das ist mir zu gefühlvoll. Ich sehe es als kameradschaftliches, professionelles und sich gegenseitig achtendes Miteinander. Ein wichtiger Grund dafür, dass man es in dieser Serie so lange aushält. Wir arbeiten einfach gut miteinander. Wir können uns auch gegenseitig Vorschläge machen. Es ist nicht selbstverständlich, dass man dem Kollegen sagen kann, du, pass mal auf, wenn du die Szene so spielst, dann dreht sie sich in die Richtung. Versuch es doch mal so.

Sie haben es schon angesprochen: Serie, Theater, Musik. Was machen Sie am liebsten?

Ich mache das alles gleichermaßen gern. Ich bin jetzt gerade auf dem Weg nach Hamburg, wo ich den „Sugar-Man-Abend“ bestreite, die Geschichte des US-Musikers Sixto Rodriguez erzähle und seine Songs singe. Gestern habe ich einen ganz harten Drehtag gehabt. wenn das alles nebeneinander existiert, etwas Besseres gibt es nicht. Ich bin jeden Tag anders gefordert und jedes hat einen anderen Reiz. Vor der Kamera ist es die Minimierung des Ausdrucks. Man darf nicht zu viel machen. Man muss zwar spielen, aber nicht so, dass der Zuschauer das Gefühl hat: Der spielt ja nur. Heute Abend geht einfach die Post ab mit Jürgen Ehle, dem Rockgitarristen bei Pankow. Wir bringen jetzt unsere erste Platte heraus. „Richtige Lieder“, Thomas Rühmann und Band, erscheint bei Amazon. Wenn man so etwas neben der Serie hinkriegt, ist das ein Leben in Hülle und Fülle. Ich mache viel, aber ich verzettele mich nicht.

An welche Missgeschicke während der Dreharbeiten zu „In aller Freundschaft“ erinnern Sie sich?

Am ersten Drehtag hatte ich keinen Sitzplatz. Es standen aber ein paar Stühle vor dem Monitor. Ich habe mir einen genommen und ihn gerade so über den Kopf gestemmt, da kam der Regisseur Bernhard Stephan und raunzte mich an: Das ist ein großer Fehler. Ich habe gefragt: Was ‘n? Er: Du trägst meinen Stuhl weg. Ich hatte dem Regisseur den Stuhl unterm Hintern weggezogen. Aber er war nicht nachtragend.

Gibt es zum Serienjubiläum eine Party mit dem Dreh-Team?

Im November gibt es ein betriebsinternes, großes Fest in Leipzig. Eingeladen sind alle Mitarbeiter und alle Schauspieler, die in den vergangenen 20 Jahren dabei waren. Wir versuchen, alle zusammenzukriegen. Beim Film wird gerne gefeiert.

Die Schwarzwaldklinik war in den 1980er Jahren im ZDF ein riesiger Erfolg. Wo sehen Sie den Unterschied zwischen der Sachsen-Klinik und der Klinik am Titisee?

Das kann man nicht mehr miteinander vergleichen, dazwischen liegen Welten. Betrachtet man nur das Erzähltempo, das heute viel höher ist. Und die Darstellung der Ärzte als Halbgötter in Weiß – das funktioniert heute gar nicht mehr. Heute wird widersprüchlicher erzählt – auch wenn es meistens gut ausgeht. Und wenn Sie sich die Charaktere ansehen – da sind alle lieb zueinander. Die Zeiten, wo es nur gut oder böse gab, sind vorbei. Es ist eben ein anderes Fernsehzeitalter

Wie erholen Sie sich?

Ich kann auch mal nichts tun. Ich drehe ja nicht täglich. An solch einem Tag, wo nix ist, genieße ich die Zeit.

In Ihrer Vita ist zu lesen, dass Sie als Journalistikstudent zum Theater gekommen sind, wie die Jungfrau zum Kind ...

Das kann man so sagen. Ich hatte einen Studienkollegen, der war sehr interessiert am Theater. Anders als ich. Ich bin zwar in Magdeburg zu den Schüleranrechten gegangen. Aber ich fand nicht alle Stücke gut. Mein Studienfreund hat gesagt: Komm doch mal mit, da gibt es eine Studentenbühne an der Uni – das Poetische Theater „Louis Fürnberg“. Das spielte gerade „Guevara oder der Sonnenstaat“ von Volker Braun. Das Theater suchte Guerilleros. Ich wurde gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mitzuspielen.Eigentlich sollte Ulrich Mühe die Rolle spielen, der damals schon an der Theaterhochschule in Leipzig studierte. Aber die Hochschule wollte nicht, dass die Studenten nebenbei Theater spielen. Sie sollten sich auf die Ausbildung konzentrieren. Deshalb kriegte Uli Mühe nicht frei.

Und wie ging es weiter?

Zuerst hat mir die Schauspielerei keinen großen Spaß gemacht. Aber dann wurden auch die Rollen größer. Knackpunkt war ein Zweipersonenstück. Das Spielerlebnis hat mich so gefordert, aber auch froh gemacht, dass ich gedacht habe: Mensch, vielleicht ist Journalistik doch nicht so das Richtige.

Gibt es heute noch Kontakte nach Magdeburg?

Mein Bruder wohnt in Magdeburg, eine meiner Schwestern und auch mein Vater. Ich bin bestimmt drei-, viermal im Jahr in Magdeburg. Außerdem spiele ich ja auch in der Stadt häufig. Magdeburg ist nach wie vor in meinem Leben.