Magdeburg l Als Gabriele Köster 2013 die Leitung der Magdeburger Museen übernahm, sprach sie schon vom Magdeburger Recht und dem Wunsch, diesem faszinierenden Thema aus der Epoche des Mittelalters eine große Ausstellung widmen zu wollen. Sechs Jahre dauerte es, bis sich nun in wenigen Wochen die Türen zu dieser Ausstellung öffnen werden.

Für wissenschaftliche Tagungen, Workshops, Recherchereisen, die Zusammenarbeit in einem internationalen Forschernetzwerk, die Kooperation mit der Sächsischen Akademie der Wissenschaften sei eine lange Vorlaufzeit nötig gewesen, sagt Köster. „Faszination Stadt“, so der Kurztitel der Schau mit der Unterzeile „Die Urbanisierung Europas im Mittelalter und das Magdeburger Recht“ nennt sie „ein weiteres Großprojekt“. Es reihe sich ein in die herausragenden Mittelalterausstellungen des Hauses, das sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten weit über die Region hinaus einen Namen gemacht hat mit seinen Landes- und Europaratsausstellungen.

Bundespräsident als Schirmherr

Blickt man auf den Etat, kann man die Bedeutung der Schau für das Museum, für Magdeburg, für Sachsen-Anhalt greifen: 3,4 Millionen Euro stehen zur Verfügung, zahlreiche Stiftungen, die Stadt, das Land, der Bund geben Geld. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat – wegen des internationalen Themas – die Schirmherrschaft übernommen. Zur festlichen Eröffnung Ende August im Dom zu Magdeburg allerdings ist das Staatsoberhaupt verhindert.

Ausgehend vom Magdeburger Recht, das einst im Mittelalter die Entwicklung Hunderter Orte beeinflusste, wollen die Ausstellungsmacher vom Erfolgsmodell Stadt erzählen. „Bei uns wird keinesweg eine trockene Rechtsausstellung zu sehen sein. Wir zeigen, was dieses Stadtrecht bewirkte: Ein politisches, wirtschaftliches und kulturelles Aufblühen der Städte im Mittelalter“, sagt Köster. Sie versprachen Freiheit, Wohlstand, Sicherheit. Handel, Wirtschaft und Kultur florierten. Das Bürgertum entwickelte sich. Es gab Räte, Bürgermeister und Schöffen. „Die Anziehungskraft der Städte ist immens gewesen“, sagt die Museumschefin.

Für „Faszination Stadt“ geht der Ausstellungsansatz weit über Magdeburg hinaus. Wie Kuratorin Christina Link erzählt, sollen an sieben Stadtbeispielen unterschiedliche Entwicklungen gezeigt werden. Der Blick richtet sich nach Danzig, Breslau, Krakow bis hin ins litauische Vilnius – und nach Altwachtenburg im heutigen Polen, wo sich einst Siedler niederließen, der Ort aber an einem Tag ausgelöscht wurde. Das Warum ist bis heute nicht geklärt.

350 Exponate aus 14 Ländern

350 kostbare Exponate werden im Museum ausgestellt, darunter Gemälde und Skulpturen, wertvolle Handschriften und archäologische Fundstücke. Ein Siegelring des Krakauer Bürgermeisters, ein Schwurkästchen des Tangermünder Rates, ein Reliquiar von der Stiftung der Danziger Kaufmannsgilde, der Hahn der Krakauer Schützenbruderschaft aus dem 16. Jahrhundert sollen die einstige Blütezeit verdeutlichen. Viele der originalen Objekte reisen Ende August aus Mittel- und Osteuropa an. Dort sitzen die meisten Leihgeber, darunter sind Museen in Krakow, Budapest, Vilnius, Minsk und Kiew. 106 Leihgeber aus 14 Ländern machen die große Sonderschau möglich.

Gibt es bei all der Pracht für Gabriele Köster ein herausragendes Exponat? Die Museums­chefin überlegt bei dieser Frage nicht lange. Dass ihr Haus die vier mittelalterlichen Handschriften des Sachsenspiegels zeigen könne, mache sie immer noch positiv fassungslos, sagt die promovierte Historikerin. Auch die Kuratorin spricht vom großen Glücksfall.

Der Sachsenspiegel gilt als bedeutendstes Rechtsbuch des Mittelalters. Eike von Repgow hat darin einst das geltende Recht festgehalten. Er selbst ist auch abgebildet auf der Oldenburger Bilderhandschrift des Sachsenspiegels, die gemeinsam mit weiteren drei Bilderhandschriften aus Bibliotheken in Heidelberg, Dresden und Wolfenbüttel präsentiert werden kann. Die wertvollen Manuskripte, die mit einer Bildleiste versehen sind, wurden zuletzt vor 25 Jahren zusammen ausgestellt. Für „Faszination Stadt“ kommen die hoch lichtempfindlichen Arbeiten nun nach Magdeburg. Sie gehören in der Ausstellug zu den Highlights, dürfen allerdings nur sechs Wochen, so die Vereinbarung des Museums mit den leihgebenden Bibliotheken, dem Stress einer Ausstellung ausgesetzt werden. Dann wandern sie wieder in die dunklen Depots. Faksimiles wird es als Ersatz geben. Wer also die Originale erleben möchte, sollte sich einen Ausstellungsbesuch im September vormerken.

„Faszination Stadt“ läuft vom 1. September 2019 bis 2. Februar 2020. Geöffnet ist täglich 10 bis 18 Uhr.