Magdeburg l Hans-Günther Pölitz betritt die Bühne, zitternd und am Rollator klammernd. Jahrzehnte in kabarettistischen Diensten und so weit ist es gekommen? Weit gefehlt! Sein kurzer Solo-Beginn ist das Aufwärmprogramm für zweieinhalb Stunden Satire-Feuerwerk mit Kollegin Marion Bach – in frischer Dynamik, mit intelligenten Texten und souveräner schauspielerischer Leistung. Für „Schliff“ in letztgenanntem Charakteristikum sorgte Regisseur Michael Günther Bard.

In humoristischer Spitzfindigkeit wird ausgeteilt, etwa gegen Angela Merkel, die neuerdings sogar die Nationalhymne aussitze. Ganz bange wird den Kabarettisten wegen der Forderung von Ex-Bundespräsident Gauck für mehr „Toleranz nach rechts“. Vorbereitet werde wohl die Machtübergabe an Höcke, schlussfolgern sie. Um weiter Vergleiche zu düsteren Zeiten vorzunehmen, befinde man sich im Zustand von 1922, im Jahr, in dem Walther Rathenau ermordet worden sei. 2019 ist Werner Lübcke Opfer eines Politikermordes.

Das Textbuch hat es in sich

Es sind sehr ernste Überlegungen, die das Publikum zu verdauen hat. Doch es wäre nicht Kabarett, wenn Schalk und Humor ausblieben. Das Textbuch von Hans-Günther Pölitz mit Beiträgen von Olaf Kirmes, Marion Bach, Gunnar Schade und Thomas Müller hat es in sich – aktuelle Themen sind in bester Satire mittels Liedern und Szenen aufbereitet, von künstlicher Intelligenz („ich sehe nur natürliche Dummheit“) über autonome Waffensysteme („das deutsche Volk wäre frei von Schuld, hätte es sie damals gegeben“) bis zur Handysucht (der „Erlkönig“ umgedichtet mit dem Schluss „Der Akku, er lebt, der User war tot“).

Das kongeniale Gespann auf der Bühne lässt nicht zu Atem kommen. Jede Pointe wirkt. Es bedarf keines aufwendigen Bühnenbildes und keiner schillernden Maskerade. Rhythmisches Klatschen erzeugt „Die Datei, die Datei, die hat immer recht“ in bekannter Partei-Melodie, ein Lied, dass Cyber-Überwachung aufs Korn nimmt.

Erster Höhepunkt des Abends: Treffen sich ein Ossi und ein Wessi auf einem Sektempfang … „Nun seien Sie doch mal dankbar!“, fordert Marion Bach in herrlichstem Bayerisch von 17 Millionen Wirtschaftsflüchtlingen. „Was ihr uns gekostet habt!“ Pölitz kontert sächselnd: „Man muss sich Kolonien auch leisten können!“ Der Pointen-Ball fliegt hin und her. Die Kabarettisten zeigen sich als herrliche Komödianten. Ganz rührend ist dagegen das Lied von Marion Bach „Mein Osten, mein Osten“. Eine Liebeserklärung mit schmerzlichen Fragen, etwa der, warum vor allem hier Ideen von 1933 aufkeimen.

Wenn das Lachen im Halse stecken bleibt

Weiterer Höhepunkt: In Telefonaten zwischen Polizei, Innenministerium und Verfassungsschutz (klasse in allen Rollen: Marion Bach und Hans-Günther Pölitz) wird ein Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim ins Gegenteil verkehrt. Bürger seien angegriffen worden und der Linksextremismus müsse stärker bekämpft werden. Da bleibt das berühmte Lachen im Halse stecken.

Das neue „Zwickmühlen“-Programm erfüllt höchste Ansprüche professionell gemachten politischen Kabaretts. „Wir stärken unsere Schwächen“ ist stark. Es endet im Appell, dass jeder gegen gesellschaftliche Verwerfungen aktiv werden kann. Die Kabarettisten singen: „Kommt von den Bäumen, ihr Affen!“