Magdeburg l „Meinem Choreografen Tom Schilling gewidmet“, vermerkt Galguera im Programmheft nicht ohne Grund. Er selbst hat unter der Leitung des legendären Künstlers, der 2002 in die Ehrengalerie der 101 größten Choreografen des 20. Jahrhunderts aufgenommen wurde, an der Komischen Oper die „Wahlverwandtschaften“ getanzt und seither davon geträumt, dieses Ballett einmal in Magdeburg auf die Bühne zu bringen. Vieles von dem, was Gonzalo Galguera in dieser Zeit für sein künstlerisches Schaffen geprägt hat, findet sich in der Magdeburger Uraufführung wieder.

Die „Wahlverwandtschaften“ sind ein Handlungsballett der großen Gefühle, von Anziehung und Abstoßung, von Freude, aber auch Schmerz, Sehnsucht, Trauer, unerfülltem Verlangen und Tragik.

Der Roman gehört zu den geheimnisvollsten des Dichterfürsten und gleichzeitig zu den umstrittensten. Ein großer Stoff, dessen Umsetzung in ein Handlungsballett enorme Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer ebenso voraussetzt wie eine unglaubliche Vielzahl von tänzerischen Bildern.

Weit mehr als Stadttheater

Der Ballettdirektor hat mit seinen Intentionen die Compagnie künstlerisch so geprägt, dass sie Ansprüchen gerecht wird, die weit über ein Stadttheater hinausreichen. Die vier Protagonisten, Anastasia Gavrilenkova als Charlotte, Adrián Román Ventura als Eduard, Leander Rebholz als Otto und die unvergleichliche Lou Beyne als Ottilie bilden in der Gesamtheit der Soli und Pax de Deux, der Gruppentänze und fulminanten Auftritte im Kreise aller eine tänzerische Ausdruckskraft, die Heraushebungen fast unmöglich macht.

Und trotzdem muss eine kleine Ausnahme gestattet sein. Die Französin Lou Beyne, seit dieser Spielzeit erste Solotänzerin des Balletts Magdeburg, ist selbst in den Szenen, in denen sie sich eher zurücknehmen muss, von solch graziler Bühnenpräsenz und Ausdrucksstärke, die man einfach nur bewundern kann.

Gonzalo Galguera hat sich bei der Musik für das Ballett fast ausschließlich auf Goethes Zeitgenossen Franz Schubert konzentriert. Die Klaviersonaten, Streichquartette, Fantasien und Quintette fassen das Thema höchst konzentriert, begleiten nicht nur, sondern kommentieren und treiben die Handlung. Diese dreidimensionale Verbindung aus tänzerischem Ausdruck, der eigenständigen und doch untrennbar verbundenen Musik und der enormen emotionalen Aufladung durch die Handlung des Stücks, ist das Geheimnis dieser erfolgreichen Inszenierung.

Immerhin geht es um Liebe und Trennung, um Neuorientierung der Gefühle und nicht zuletzt um Untreue und Scheidung. Das war für die Zeit Goethes durchaus ein Tabubruch. Doch nicht nur das.

Chemische Verbindungen als Vorbild

„Wahlverwandtschaften“ ist eine Bezeichnung aus der Chemie für das anziehende und abstoßende Verhalten von chemischen Verbindungen, woraus neue Verbindungen entstehen. Goethe übertrug diese naturwissenschaftliche Erkenntnis auf die menschlichen Beziehungen. Diese Ebene greift Ganzalo Galguera in seiner Inszenierung auf, stellt sie zwischen die Bilder der Handlung und untermalt sie mit eigens für das Ballett komponierte moderne sphärische Klänge von Thomas Duda.

Es ist beeindruckend, wie diese Musik mit der Schubertschen harmoniert, wie Tanzbilder aus menschlichen Körpern in ihrer Verschlungenheit von Armen und Beinen, den Verwindungen und Trennungen genau diesen Chemie-Ansatz Goethes aufnehmen und ausformen.

Man kann wahrlich über Goethes Ansatz, chemische Prozesse auf das Zusammenleben von Mann und Frau zu übertragen, streiten. Dass die Umsetzung dieses Gedankens, wie der gesamten Handlung des Romans, Gonzalo Galguera grandios gelang, ist hingegen unstrittig. Diese Ballettinszenierung reiht sich ein in die Höhepunkte des Schaffens des Magdeburger Ballettdirektors.