Magdeburg l Das Stück ist so unwirklich wie schön. Es ist ein getanztes Märchen aus Tausendundeiner Nacht mit Musik von Adolphe Adam, Cesare Pugni und Léo Delibes. Darin geht es um Liebe und Verrat, der Sehnsucht nach der großen Freiheit, um Freundschaft und Tod.

Es beginnt mit einem Prolog der Unbegrenztheit von Horizont zu Horizont, wie man sie nur auf dem Meer erleben kann. Am Bug eines Piratenschiffes inmitten tosender Wellen – perfekt mit Bühnentechnik und Lichteinspielungen inszeniert – sind die Pro­tagonisten als Piraten auf dem Weg zu neuen Abenteuern. Mit diesem Bild beginnt und endet die Geschichte. Dazwischen wird den Zuschauern ein Märchen erzählt.

Das Handlungsballett „Le Corsaire“ in der Inszenierung von Gonzalo Galguera besticht einerseits mit unglaublich vielfältiger, den Vorstellungen von einer orientalischen Welt aus Tausendundeiner Nacht angepassten Ausstattung (Bühne Darko Petrovic, Kostüme Josef Jelinek), und andererseits mit der konkurrierenden Situation der Sklavinnen Medora, getanzt von Primaballerina Lou Beyne, und Narissa Course in der Rolle der Gulnara. Lou Beyne ist mit einer faszinierenden Bühnenpräsenz und einer unnachahmlichen Grazie bis in den kleinen Finger unangefochten die führende Tänzerin im Ensemble.

Doch mit Narissa Course macht ein Talent auf sich aufmerksam, das das Zeug dazu hat, einmal als erste Solistin die Bewunderung der Zuschauer auf sich zu ziehen. Im Traum des Pascha konkurrieren die beiden Tänzerinnen um die Gunst, in seinen Harem aufgenommen zu werden. Es ist wie ein Wettkampf der Primaballerinen. Nicht minder sehenswert sind die Korsaren Konrad, getanzt von Adrián Román Ventura, und Birbanto, den Daniel Smith verkörpert. Zwischen den beiden besteht eine Freundschaft und Rivalität, die tragisch endet. Diesen Spannungsbogen tänzerisch auszuloten – erinnert sei nur an die Kampfszene mit den beiden – ist ein wichtiges inhaltliches Moment in diesem Stück.

Neben den Protagonisten sind bei den großen Szenen, wie dem Markttreiben im 1. Akt oder den Traumszenen, vermutlich alle Mitglieder der Compagnie auf der Bühne. Das vermittelt hier und da das Gefühl von Enge. Auch die üppige Ausstattung einzelner Szenen mit detailreichem Nebengeschehen lenkt hin und wieder von den großartigen Ballettleistungen ab. So ausdrucksstark die Pas de deux, die Gruppentänze oder der berühmte Pas de trois sind, so überladen und leicht kitschig wirken beispielsweise die Traumszenen, obwohl die Kleinsten aus der Theaterballettschule Magdeburg natürlich die Sympathie der Zuschauer im Sturm erobern. Da wäre weniger mitunter mehr.

Man kann über den Inhalt der Geschichte ebenso wie den Charakter der Musikstücke, die mitunter eher an Wiener Kolorit als orientalische Töne erinnern, streiten. Unstrittig sind jedoch die hervorragenden tänzerischen Leistungen des gesamten Ensembles.

Nicht minder einfühlsam und punktgenau mit der Choreografie agiert Svetoslav Borisov, 1. Kapellmeister der Magdeburgischen Philharmonie, am Pult. Ihm gelingt es auch, die Musik der diversen Komponisten, die im Laufe der Jahre Musikteile zu dem Ballett hinzugefügt haben, so geschickt miteinander zu verbinden, dass ein beinahe einheitliches musikalisches Gesamtkunstwerk entsteht.

Weitere Vorstellungen: 8. April, 7. Mai und 26. Mai.