Magdeburg l Das Ballett „Raymonda“ ist in Russland ein Klassiker des berühmten, in Frankreich geborenen und in St. Petersburg begrabenen, Choreographen Marius Petipa. Er suchte nach dem Tode Tschaikowskis im Jahre 1893 einen Komponisten für sein nächstes Ballett und fand ihn mit Alexander Glasunow.

Magdeburgs Ballettdirektor Gonzalo Galguera beschäftigte sich schon in seiner Ballettausbildung in Kuba mit dem Stoff. Er taucht nun mit seiner Choreographie ganz tief in das durch seine Opulenz bestechende traditionelle russische Ballett ein. Wohl keines der 22 Mitglieder zählenden Compagnie fehlt auf der Bühne, ergänzt durch eine Vielzahl von Statisten, die alle zusammen große Tanzbilder aus einer längst vergangenen Zeit der Kreuzzüge kreieren. Galguera bleibt bei dieser Inszenierung ganz dicht am Original, das vor 120 Jahren im Petersburger Mariinski-Theater uraufgeführt wurde. Keine Modernisierungsexperimente, ein höchst variables und fantasievolles Bühnenbild (Darko Petrovic) des königlichen Palastes, das vor allem viel Platz für die raumfüllenden Gruppentänze bot, und eine schier unübersehbare Fülle von detailreichen Kostümen (Josef Jelinek) – das war der Rahmen für einen Ballettabend der Sonderklasse.

Liebe zur Tradition

Gonzalo Galguera ist dem modernen Tanztheater zugetan, aber mit dieser Inszenierung stellt er ebenso seine Liebe zu den traditionellen Formen des Balletts und seine überaus große Vielseitigkeit unter Beweis. Seit nunmehr 12 Jahren formt er in Magdeburg eine Ballett-Compagnie, die keinen internationalen Vergleich scheuen muss.

Die Geschichte zu „Raymonda“ ist schnell erzählt. Die junge Edelfrau, getanzt von der Primaballerina Lou Beyne, wartet auf ihren Verlobten Jean de Brienne, der von Jonathan Milton in Szene gesetzt wird. Der ist als Kreuzritter in den Krieg gezogen.

In einem Traum von ihr verwandelt er sich in einen Sarazenen, der sie entführen will. Raúl Pita Caballero hinterlässt in dieser Rolle einen enorm starken tänzerischen Eindruck. Doch dann wird der Traum zur Realität. Rechtzeitig erscheint Jean de Brienne, tötet den Sarazenen und rettet seine Geliebte.

Diese Dreierkonstellation von Lou Bene, Jonathan Milton und Raúl Pita Caballero bildet das Zentrum des Geschehens, das von zahlreichen Gruppentänzen umrahmt wird. Lou Beyne in der Titelrolle prägt als Primaballerina mit bewundernswerter Bühnenpräsenz, zauberhafter Anmut und starker Ausdruckskraft diese Ballettinszenierung. Die Tänzerin aus Frankreich, die seit 2011 in Magdeburg festes Ensemblemitglied ist, absolviert ein schier unglaubliches Pensum an Soli, Pas de Deux und Tänzen mit der Compagnie, bei denen sie scheinbar nicht den Gesetzen der Physik unterliegt, wenn sie mit zauberhafter Leichtigkeit ihre Pirouetten oder Sprünge darbietet. Jonathan Milton hat es nicht leicht, in dieser Strahlkraft seiner Partnerin wahrgenommen zu werden.

Starker Eindruck

Ganz anders Raúl Pita Caballero, der höchst charismatisch und tänzerisch sehr sicher einen starken Eindruck hinterlässt. Auffallend ist außerdem die Präzision und Sicherheit auch aller anderen Tänzer der Compagnie, die sich in den klassischen Gefilden des Tanzes genauso zu Hause fühlen wie im modernen Ausdruckstanz.

Die Musik von Alexander Glasunow ist speziell für das Ballett geschrieben. Das spürt man an jeder Stelle, wenn die von Pawel Poplawski hervorragend eingestellte Magdeburgische Philharmonie die vielfältigen ungarischen, spanischen und maurischen musikalischen Einflüsse aufnimmt. Ungewöhnlich, aber nicht minder wirkungsvoll ist dabei das von Glasunow integrierte Klavier im Orchestergraben, das ebenso wie die einfühlsamen Harfenklänge beim Traumsolo „Visionen“ mit Lou Bene die Gesamtwirkung des Kunstwerks hervorhebt.

Hauch des Zeitgemäßen

Diesem Anliegen entspricht auch die Streichung der „Weißen Dame“ im Stück durch Gonzalo Galguera. Sie greift im Original in das Geschehen ein und nimmt Einfluss auf die Entscheidungen der Figuren. Genau das wollte der Ballettdirektor aber nicht, denn ihm kam es auf die eigenständige Entscheidung der Raymonda und ihres geliebten Ritters an. Nicht ein imaginäres Wesen sollte ihnen die Verantwortung für ihr Handeln abnehmen, sondern nur die Liebe sollte das bestimmen.

Und damit bekommt das Ballett trotz aller Traditions­treue zur ursprünglichen Vorlage doch noch einen Hauch des Zeitgemäßen. Eine Art Augenzwinkern, in einem unglaublich schönen Traum der großen Gefühle. Dieses Ballett sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen.