Magdeburg l Kann Ballettdirektor und Chefchoreograf des Theaters Magdeburg Gonzalo Galguera proben und planen? Grit Warnat sprach mit dem Deutsch-Kubaner.

Volksstimme: Wie geht es Ihnen?
Gonzalo Galguera: Ganz gut. Sie sind erstaunt?

Ganz ehrlich: Ja.
Ich will nichts schönreden. Wir haben eine sehr schwierige Situation. Aber trotzdem sehe ich das Positive. Ich suche nach neuen Gedanken, neuen Formaten, ich will neue Welten konzipieren. Als Tänzer, als Choreograph ist es wichtig, dass wir uns weiterbewegen. Wir dürfen nicht stillstehen.

Aber gerade das tut Ihre Compagnie. Selbst als das Theater zwischenzeitlich geöffnet war, fand Ballett nicht statt.
Das tut auch weh. Wir müssen in unserem Repertoire suchen, was mit allen Einschränkungen trotzdem möglich sein kann, was wir unserem Publikum bald wieder bieten können. Wir hatten immer Zuspruch, Begeisterung, große Resonanz auf unsere Handlungsballette, unsere Geschichten. Wir können ihm das nicht einfach wegnehmen.

Sie planen ein Handlungsballett?
Ja. Mein Ziel ist die Produktion von „Paquita“ im März. So steht es auch im Spielplan. Das ist mein Plan A. Wir wollen das Machbarste auf die Bühne bringen. Ich weiß, das Publikum wartet darauf.

Wie soll das funktionieren?
Wir sind weiter als noch zum Spielzeitauftakt im September. Es gibt jetzt Schnelltests. Vielleicht gibt es eine Impfung schon im Februar. Wir wissen es nicht. Ich hoffe sehr, dass es Lösungen geben wird. Schnelltests wären ein erstrebenswerter Gedanke und ein Modell für uns. Solch ein Testen geht natürlich nur mit Unterstützung aller Beteiligten.

Beim Bayrischen Staatsballet in München wird bereits seit Wochen getestet.
Auch in Berlin. Beide Ballette haben im September große Stücke getanzt. Aber da fließen ganz andere Summen. Wir müssen sehen, dass wir eine Lösung hinkriegen. Unsere Generalintendantin Karen Stone ist offen, mit unseren Unterstützern zu reden. Testungen sind ja nicht kostenfrei. Sie sind ein Lichtblick. Ballett geht nur mit Körperlichkeit, Gemeinsamkeit, Interaktion. Ich stehe jeden Tag auf und versuche, nicht das Negative, sondern das Positive zu sehen. Ich will kein Handlungsballett, wo alle auf Distanz sind. Es geht um schöne Musik, schöne Bewegungen, ein Fest der Sinne. Das will ich nicht aus den Augen verlieren. Wir werden da auch an Grenzen kommen. Aber ich sehe die Schwierigkeiten nicht als Hürde, sondern als Ansporn.

Wie geht es Ihren Balletttänzern?
Ihnen geht es wie mir. Zwischen Hoffnung und Ratlosigkeit. Das Tänzervölkchen ist sehr speziell. Wir sind von Kindheit an gewohnt, mit Verzicht und Verlust umzugehen. Wir alle kennen ein Hinfallen und Aufstehen und immer wieder nach vorne blicken. Ich bin unglaublich berührt, wenn ich sehe, wie intensiv und mit welcher Hingabe gearbeitet wird. Da ist ein unglaubliches Engagement. Das gibt mir sehr Hoffnung, auch wenn die für uns so wichtige Gemeinschaft fehlt. Normalerweise sind alle im Training da und fiebern mit den anderen mit. Das fehlt. Die soziale Komponente fehlt uns allen.

Sie sprachen vom Plan A. Das heißt, Sie haben auch einen Plan B?
Ich arbeite im Moment an einem – ich nenne es so – Laborprojekt. Ich beschäftige mich mit drei verschiedenen Dichterinnen, eine davon ist die deutsch-jüdische Schriftstellerin Hilde Domin, die ins Exil ging und in den 1970 Jahren nach Deutschland zurückkehrte. Ihr Werk fasziniert mich sehr. Bei den drei Frauen geht es in den Lebensläufen um Krise, Migration, Zurückkehren, Entwurzelung, Fragilität, existenzielle Themen. Dieses Projekt könne ich mir als ein neues spannendes Format vorstellen.

Ich kokettiere auch sehr mit Barockmusik aus Italien sowie mit Händel und Bach. Ich versuche aus dem Mosaik aus Gedanken etwas ganz Neues zu entwerfen. Und wenn die Situation sagt, wir müssen unser Handlungsballett auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, dann hätten wir eine schöne Alternative. Aber ich träume immer noch von meinem Plan A.

Ihr Halberstädter Kollege hatte im September für sein Ballett ein Stück mit acht Soli tanzen choreografiert. Die Tänzer haben Corona aufgearbeitet. Wäre das auch ein Thema?
Einige haben das aus einer Abstraktion heraus gemacht. Aber ich will diese Abstraktion nicht, auch nicht Corona auf der Bühne. Mich interessieren der Mensch und packende Schicksale. Unser Publikum hat auch eine Sehnsucht danach. Ich bin ein Choreograph, der Geschichten liebt. Vor allem glaube ich nicht, dass man ins Theater geht, um wieder Corona zu haben. Unsere Aufgabe ist doch, die Menschen in eine andere Realität mitzunehmen. Ich glaube an den klassischen Tanz, an Geschichten, an tolle Literaturstoffe. In dieser Zeit ist das mehr denn je gefragt.

Kann Ihre Compagnie trainieren? Wenn ja, wie?
Ja. Schon im April haben wir in kleineren Gruppen mit dem Training angefangen. Die Gruppen bleiben fest zusammen. Wir trainieren täglich. Das ist natürlich nicht das, was wir eigentlich rein zeitlich gewohnt sind. Wir trainieren. Wir proben nicht. Wir üben nach wie vor keine Choreografie von mir.

Sie haben aber gewiss schon vieles vor Augen.
Natürlich. Wir gehen in die zweite Hälfte der Spielzeit. Jeder Spartendirektor am Haus schaut jetzt, was er noch machen kann. Wir haben ja gelernt, dass sich alles sehr kurzfristig ändern kann. Aber unser Premierentermin im März ist da. Und wir wollen unbedingt tanzen.

Einige Theater gehen ins Internet. Was halten Sie davon?
Dieses Setzen auf die digitale Welt besorgt mich sehr. Klar, ist es schon toll, wenn Anna Netrebko auf dem Smartphone singt. Aber das darf nicht unser Maßstab sein.

Ich glaube nicht, dass die digitale Welt das Liveerlebnis ersetzen kann.
Das Digitale ist eine Alternative. Mehr nicht. Wir alle im Ballett sind Theatermenschen. Wir brauchen die Bühne. Wir müssen sehen, wie es uns gelingt, das Publikum zu berühren. Tanz ist Emotion. Von Kindesbeinen an leben wir dafür zu tanzen und Applaus zu bekommen. Für diesen Moment gibt man alles. Deshalb werde ich alles versuchen, das Handlungsballett „Paquita“ im März unserem Publikum zu ermöglichen.