Dessau l Von außen, so unken manche in der Stadt, sieht der Neubau aus wie eine überdimensionierte Sparkassen-Filiale. Dann hört man auch Worte wie „Kasten“ und Kritik wird hinterhergeschoben, dass man nicht hineingucken könne. Das sei doch anfangs immer anders gesagt worden. Da war nicht nur viel von Transparenz die Rede, auch die vorgelegten Entwürfe zeigten ungehinderte Durchsicht. Und das Werbe-Bild auf der Bauhaus-Internetseite verspricht auch ein anderes Erscheinungsbild.

Der Blick von außen nach innen fällt wahrlich schwer. In den großen, dunkel wirkenden Fensterfronten der gläsernen Hülle spiegeln sich vielmehr die Stadt auf der einen Seite und die Bäume auf der anderen, der Stadtparkseite. Das brachte vor Monaten schon die Naturschützer auf den Plan, die für den Vogelschutz Nachbesserungen einforderten, weil, so Claudia Wegworth vom BUND, es viele Anflüge und Abdrücke gegeben habe. Im Moment nun werden vertikale Streifen aufgetragen. Auf jede Scheibe, rund ums Gebäude. Der Naturschutzverein ist hochzufrieden mit der Maßnahme. „Das ist vorbildlich gelöst“, sagt Wegworth, die ebenso das Gründach lobt.

Frank Assmann, der Leiter der Bauabteilung bei der Stiftung, mag darüber gar nicht mehr reden wollen. Wohl auch, weil die wissenschaftlich getesteten Streifen 500.000 Euro an Mehrkosten bedeuten.

Bilder

Transparenz ist da

Wenn man aber eintritt ins neue Museum, noch über den Hintereingang, ist von innen die viel beschworene Transparenz da. Der Blick hin zur Stadt ist frei, der Raum wirklich eindrucksvoll. 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche sind möglich. Kein Klein-Klein im Inneren. Nichts ist verstellt mit Wänden. Hier erkennt man dann auch das Haus im Haus, die Grundidee des spanischen Architekturbüros Gonzàlez Hinz Zabala, für die es beim internationalen Wettbewerb Ende 2015 den Zuschlag gegeben hatte. Bei diesem Haus im Haus handelt es sich um die sogenannte Black Box. Nach dem 8. September wird dort auf 1500 Quadratmetern die Sammlung präsentiert. Sie bildet das Obergeschoss und ist das eigentliche Herzstück des neuen Museums. In die Black Box darf vorab noch kein Blick geworfen werden. Am 7. September ist offizieller Pressetermin.

Wird alles geschafft? „Wir werden fertig“, sagt Assmann, der die Ruhe in sich trägt. Er spricht vom Baubeginn im Mai 2017 und schiebt nach: „Wir haben einen superschnellen Fahrplan.“

Assmann nennt die Black Box auch Vitrine. Tageslicht gibt es nicht. Dort wird, so sagt Kuratorin Regina Bittner, in drei Räumen die Geschichte der berühmten Designschule und ihrer Studierenden erzählt. 1925 war sie von Weimar nach Dessau umgezogen und erlebte bis zur Schließung auf Druck der Nationalsozialisten im Jahr 1933 ihre Blütezeit. Dessau gilt als Stadt mit den meisten originalen Bauhaus-Bauten.

Untergeschoss als offene Bühne

„Uns geht es weniger um die fertigen Resultate, wir rücken vielmehr die lernende Gemeinschaft in den Vordergrund“, so Bittner. Zudem werde der Aufbau der Sammlung erzählt – beginnend mit dem ersten Ankauf 1976, für den 144.000 DDR-Mark ausgegeben wurden. Zahlreiche Schülerarbeiten, Nachlässe von Bauhäuslern, Aufzeichnungen, Studien, Collagen, Fotografien, Grafiken kamen hinzu und gehören heute zur Sammlung. Sie gilt mit mehr als 49.000 Objekten als weltweit zweitgrößte Sammlung zum Bauhaus. Etwa 1000 Exponate sollen in der Ausstellung „Versuchsstätte Bauhaus“ im neuen Museum gezeigt und eingeordnet werden. Einmal im Quartal, so kündigt Bittner an, werden verschiedene kleine Konvolute in der Dauerpräsentation zu Gast sein. „Wir wollen die Ausstellung immer wieder mit neuen Aspekten beleben.“

Aber zurück zur Architektur. Die Black Box aus Betonwänden, schwarz lasiert, wirkt wie eine eingehängte große Brücke. Sie ist freitragend, liegt auf zwei Treppenkernen links und rechts des Hauses. Es gibt keine Pfeiler, keine abgehängte Verkleidung, hinter der Leuchten verschwinden könnten. Das hat Fabrikcharakter. Der Großraum darunter mit den hohen Fensterfronten erinnert an die Web-Werkstätten im von Walter Gropius entworfenen Bauhaus-Schulgebäude. Wenn man sich mit Frank Assmann über diese Assoziationen unterhält, meint er, das sei nicht geplant gewesen vom Architekten, aber doch eine Analogie.

Dort im Erdgeschoss wird gerade Rita McBride‘s raumgreifende Arena aufgebaut. Laut Bauhaus soll die Arbeit der US-amerikanischen Installationskünstlerin und Bildhauerin, die seit 2003 Pro­fes­so­rin ist und später auch Rek­to­rin an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf war, temporär Skulptur und Begegnungsort zugleich sein. Für ein Jahr ist diese Arena als szenischer Spielort für ein sehr unterschiedliches Programm gedacht – Theater, Tanz, Performance-Projekte, Gespräche. Mit dem als Offene Bühne konzipierten Erdgeschoss will das Bauhaus sich zukünftig stärker als Diskussionsort zu Kunst und Kultur in das Stadtleben einbringen. Erstmals bespielt wird die Arena zum Festival „Bühne total“ vom 11. bis 15. September. Täglich seien dann an dieser Stelle Gespräche und Vorträge mit Akteuren des Festivals geplant, kündigt das Bauhaus an.

Noch wird die Arena zusammengebaut, aber ein weiteres Kunstwerk ist schon komplett vor Ort: Das „Lichtspielhaus“, eine bewegliche Lichtinstallation der New Yorker Künstlerin Lucy Raven. Eine Jury hatte die Installation aus verschiedenfarbigem Glas unter acht Konzepten ausgewählt. Es sind farbige Glaspaneele, die wie große Türen übereinandergeschoben werden können und somit neue farbliche Akzente setzen. „Das Kunstwerk steht für die Farbenlehre des Bauhauses“, sagt Assmann.

Sonnenschutzvorhang fürs Klima im Haus

An den großen Fensterfronten wird sanft fließender, lichtdurchlässiger Stoff gehängt. „Es ist wunderschöner Stoff“, schwärmt Assmann. Metallisch, silber, grau. Es sei ein Sonnenschutzvorhang, der die Strahlen reflektieren wird. Elf Meter hoch, 250 laufende Meter. Innen um die gläserne Hülle. Die Gardine könne dem Sonnenverlauf folgend zu- und aufgezogen werden, so der Bauchef. Das helfe auch dem Klima im Haus, das trotz der Glasfläche ohne künstliche Be- und Entlüftung auskommen soll.

Der Vorhang, man ahnt es schon, wird mit Blick auf die Transparenz sicher neuerliche Diskussionen entfachen. Bis heute ist die Kritik zum dunklen Erscheinungsbild nicht abgeebbt. Vier Scheiben hintereinander, sagt Assmann. Mit Weißglas wäre eine farbneutrale Sicht möglich gewesen – aber auch teurer.

Mit 25 Millionen Euro war der Kostenrahmen einst abgesteckt. Jetzt liegt die Stiftung als Bauherr bei 28,5 Millionen. Für das schon eröffnete Bauhaus-Museum in Weimar waren die veranschlagten 22 Millionen Euro auf 27 Millionen geklettert. Wie hieß es jüngst bei der Schwarzbus-Tour des Steuerzahlerbundes: Mehrkosten von 10 bis 20 Prozent bei großen Bauvorhaben sind vertretbar.