Halle l Mit ihren wohlgeformten Bögen, mit denen sie die Ufer der Saale verbindet, ihren monumentalen Tierplastiken „Kuh und Pferd“ und der romantischen Burg Giebichenstein im Hintergrund gehört die Giebichensteinbrücke zu den beliebtesten Fotomotiven in Halle an der Saale. Das einzigartige Ensemble ist den künstlerischen Anregungen des Bildhauers Gerhard Marcks und des Architekten Paul Thiersch zu verdanken, der 1915 die damalige hallesche Handwerkerschule Burg Giebichenstein übernommen und sie zu einer der bedeutendsten Kunstgewerbeschulen in Deutschland umgebaut hatte.

Marcks, 1889 in Berlin geboren, hatte sich als Autodidakt schon frühzeitig der Bildhauerei verschrieben. 1918 wurde er an die Staatliche Kunstgewerbeschule Berlin als Lehrer der Bildhauerklasse berufen, knapp ein Jahr später holte ihn Walter Gropius als Formmeister an das gerade gegründete Staatliche Bauhaus nach Weimar und übertrug ihm die Leitung der Keramischen Werkstatt im thüringischen Dornburg an der Saale. Marcks und Gropius waren seit ihrer Kindheit miteinander befreundet, ihre Familien hatten ihre Sommerferien gemeinsam an der Ostsee verbracht, und auch künstlerisch hatten die beiden schon zusammengearbeitet.

Kunst und Handwerk verbinden

Wie kaum ein zweiter Bauhaus-Meister vertrat Marcks die Idee seines alten Freundes Walter Gropius, die Kunst und das Handwerk miteinander zu verbinden. „Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errichten wollte! Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft“, hatte der Bauhaus-Gründer 1919 in seinem „Manifest“ geschrieben, mit dem er das Programm seiner Gestaltungsschule vorstellte. „Kunst und Handwerk – eine Einheit“, hieß das Motto.

Bilder

Doch schon bald gingen die Vorstellungen von Marcks und Gropius über das, was das Bauhaus leisten sollte, auseinander: Marcks wollte weiterhin das traditionelle Handwerk in den Mittelpunkt der Ausbildung stellen, doch Gropius formulierte nun ein neues Konzept, mit dem er die Industrie und die industriellen Fertigungsprozesse in den Vordergrund rückte. „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ hieß nun die Parole, mit der Gropius die Hochschule auf seinen Kurs einschwor.

Marcks jedoch hielt weiterhin an der Gründungsidee des Bauhauses fest und war so unzufrieden mit der Neuausrichtung, dass der 1925 den Umzug des Bauhauses von Weimar nach Dessau nutzte, um sich zusammen mit einer seiner früheren Schülerinnen, der Keramikerin Marguerite Friedlaender, nach Halle abzusetzen - wie auch eine ganze Reihe anderer Bauhäusler, die mit Gropius neuem Kurs nicht einverstanden waren. Thiersch, der Leiter der Kunstgewerbeschule, hatte Marcks zum Professor berufen und ihm die Leitung der Bildhauerklasse der Schule übertragen. 1928 wurde Marcks deren Direktor. Für Marcks begann nun eine höchst schöpferische Schaffensphase. 1925 schrieb er an Paul Thiersch: „Giebichenstein, überhaupt Halle, gefällt mir, seien Sie versichert, ganz ausgezeichnet. So schön habe ich in meinem Leben noch nicht arbeiten können.“ In seiner Hallenser Zeit schuf Marcks so berühmte Skulpturen wie die „Thüringer Venus“, die als ein Sinnbild für Weiblichkeit verstanden werden kann und heute im Museumspark Braunschweig steht, und schließlich auch eines seiner bedeutendsten Werke – und von den Ausmaßen her sicherlich auch das größte: die monumentalen Tierplastiken „Kuh und Pferd“. Die Kuh symbolisiert das Land, das Pferd die Stadt. Beide Plastiken dienen zugleich als Eisbrecher zum Schutz der 1928 fertiggestellten Betonbrücke. Ein weiteres Kunstwerk steht Im „Löwengebäude“ der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: die Büsten von Martin Luther und Philipp Melanchthon.

Karriere schlagartig verbaut

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten war Marcks die erhoffte Karriere jedoch schlagartig verbaut. 1933 protestierte er gegen die Entlassung jüdischer Künstler aus dem Staatsdienst und wurde daraufhin selbst von den Nazis aus dem Hochschuldienst entlassen. 1936 schaffte er mit der Skulptur eines schmalbrüstigen Jünglings einen überlegten Gegenentwurf zu den soldatischen Heldenkörpern der damaligen Bildhauerei. Auch wegen dieses Affronts wurde Marcks später mit Ausstellungsverbot belegt, einige seiner Werke gelangten in die „Entartete Kunst“-Ausstellung, mit der die Nazis die ihnen verhasste Kunstmoderne bloßstellen wollten.

Marcks verließ Halle - nicht ohne Wehmut. In einem Brief an seinen Freund Felix Weise schrieb er später: „Ich möchte beinah sagen, die 7 Jahre Halle waren die schönsten of my life.“ Nach dem Krieg übernahm er die Leitung der Bildhauerklasse der Landeskunstschule Hamburg und ging dann als freier Bildhauer nach Köln. Weil Marcks einer der wenigen deutschen Bildhauer war, die sich nicht von den Nazis hatten korrumpieren lassen, war es für die öffentliche Hand unproblematisch, Aufträge an ihn zu vergeben. Es entstand eine Vielzahl von Skulpturen, darunter auch die Bronzeplastik der „Bremer Stadtmusikanten“ in Bremen. Nicht ganz so spektakulär, aber trotzdem unbedingt sehenswert ist das zweiflüglige, ornamentale Eingangsportal der Klosterkirche des Klosters Unser Lieben Frauen in Magdeburg. Anfang der 1970er Jahre zog sich Marcks nach Burgbrohl in die Eifel zurück, wo er am 13. November 1981 starb. Ein Großteil seiner Kunstwerke befindet sich in Obhut der Bremer Gerhard-Marcks-Stiftung und ist heute im dazugehörigen Museum, dem Gerhard-Marcks-Haus in Bremen, zu sehen. Die Stiftung hat auf ihrer Website (www.marcks.de) auch die wohl treffendste Beschreibung seines künstlerischen Schaffens formuliert: „Charakteristisch für Marcks ist, dass er in seinen Werken im-mer Gegensätze miteinander verbindet. Es gelingt ihm, die wilde, oft chaotisch anmutende Vielfalt der Natur in ruhigen, kubischen Formen darzustellen. Die Mischung aus Geometrie und Gefühl macht seine Skulpturen unverwechselbar.“

Werke von Gerhard Marcks sind bis zum 24. Februar in der Kunsthalle in Halle/Saale zu sehen.