Roman

Beeindruckendes Frühwerk von Bestseller-Autorin Kawakami

Mieko Kawakami ist die Autorin des internationalen Bestsellerromans „Brüste und Eier“. Nun erscheint ihr Buch „Heaven“ - ein aufrüttelnder und wahrhaftiger Roman.

Von Sybille Peine, dpa 21.09.2021, 09:58 • Aktualisiert: 21.10.2021, 14:51
Die japanische Autorin Mieko Kawakami. Der Roman „Heaven“ erscheint im DuMont Buchverlag.
Die japanische Autorin Mieko Kawakami. Der Roman „Heaven“ erscheint im DuMont Buchverlag. Privat/DuMont Buchverlag/dpa

Berlin (dpa) – - Die japanische Autorin Mieko Kawakami ist bei uns mit ihrem Roman mit dem provozierenden Titel „Brüste und Eier“ bekannt geworden. Darin sinnieren drei Frauen über künstliche Befruchtung, Brustvergrößerungen, Asexualität und andere heikle Themen in der noch immer stark patriarchalisch geprägten japanischen Gesellschaft.

Nach diesem weltweiten Erfolg hat man nun ein älteres Werk der heute 45-jährigen Schriftstellerin entdeckt. „Heaven“, das bereits im Jahr 2009 in Japan erschien und nun in viele Sprachen übersetzt wurde (ins Deutsche bei Dumont von Katja Busson). Zu Recht, denn „Heaven“ ist ein aufrüttelnder, verstörender, wahrhaftiger und fast schon philosophischer Roman über menschliche Unbarmherzigkeit und Gefühllosigkeit, aber auch über Wärme und Trost, die Freundschaften spenden.

Erzählt wird aus Sicht des namenlosen Protagonisten, der mit seiner Stiefmutter und seinem meist abwesenden Vater in einer nicht konkret benannten japanischen Stadt lebt. Seit seinen ersten Lebensjahren hat er ein schielendes Auge. Das körperliche Handicap ist für den ebenso schönen wie begabten Ninomiya Anlass, seinen Mitschüler gnadenlos zu quälen, wobei er sich der Gefolgschaft bewundernder Mitläufer sicher sein kann. So wird der Schulbesuch für das 14-jährige Opfer zum alltäglichen Martyrium.

„Schielauge“ steht in der Hackordnung seiner Klasse ganz unten und wird zum Prügelknaben einer Jungenclique, die ihre sadistischen Fantasien an ihm auslebt. Dass er sich wehrlos in die Rolle des Opfers fügt, verschlimmert seine Lage nur, bis er von unerwarteter Seite Beistand bekommt. Eines Tages findet er in seinem Federmäppchen eine Nachricht vor: „Wir gehören zur selben Sorte.“ Absenderin ist die Mitschülerin Kojima, die ebenfalls wegen ihres Aussehens von Klassenkameradinnen gemobbt wird. Zwischen den beiden Outlaws entsteht eine zarte Freundschaft.

Der Roman spielt in den frühen 90er Jahren. Das Internet ist noch unbekannt, Smartphone und soziale Medien sind noch nicht erfunden. Heute wäre die Schikane wahrscheinlich Cybermobbing. Bemerkenswert ist, dass die Quälereien, die sich am helllichten Tage in und um die Schule herum ereignen, von keinem Erwachsenen bemerkt werden. Schule wird als rechtsfreier Raum erlebt, Lehrer und Eltern sind nur Phantomgestalten. Als ein Lehrer irgendwann tatsächlich einmal das grün und blau geschlagene Gesicht des gequälten Jungen bemerkt, lässt er sich mit der vorgeschobenen Lüge eines angeblichen Fahrradunfalls abspeisen.

Im Zentrum des Romans stehen die heimlichen Begegnungen und Gespräche zwischen dem Jungen und dem Mädchen, ihre Entdeckung von Gemeinsamkeiten, die Solidarität und Kraft, die die beiden aus diesem Austausch erfahren. Kojima definiert ihre Schwäche selbstbewusst in Stärke um, den Makel als Auszeichnung. Ihre körperliche Verwahrlosung, verrät sie dem Jungen, ist für sie ein Zeichen der Solidarität mit ihrem aus der Familiengemeinschaft ausgestoßenen Vater. Leidensfähigkeit und Durchhaltevermögen sind für sie Symbole der Überlegenheit.

Ganz klar geht es in „Heaven“ auch um Moral. Als der Junge einen seiner Peiniger tatsächlich einmal zur Rede stellen kann, offenbart sich ein brutal darwinistisches Weltbild. Man quält, weil man quälen kann, man geht einer spontanen Lust nach, einfach weil man die Freiheit dazu hat. Das Opfer ist dabei fast egal: „Dass es dich getroffen hat, hat sich so ergeben.“

„Heaven“ ist weiß Gott keine leichte Lektüre. Der Roman schmerzt in seiner Grausamkeit, er macht traurig und wütend und auch die Auflösung verschafft nur halbe Erleichterung. Aber er ist in seiner Einfühlsamkeit und Vielschichtigkeit zweifellos ein großer Wurf.

- Mieko Kawakami: Heaven, übersetzt von Katja Busson, Dumont Verlag, Köln, 192 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-8321-8374-5.