Magdeburg l Das Debüt der Publizistin und Comedian Sophie Passmann hat einen provokanten Titel: „Alte weiße Männer“. Im Sommer 2018 hat sie sich mit 16 einflussreichen Männern getroffen, vom Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert über den ehemaligen Chefredakteur der „Bild“-Zeitung Kai Diekmann bis zur Hippie-Ikone Rainer Langhans. Am Freitag liest sie daraus um 20 Uhr im Moritzhof in Magdeburg.

Volksstimme: Wie kamen Sie auf die Idee zu einem Buch über „alte weiße Männer“? Und wer ist das überhaupt?
Sophie Passmann: Ich bin viel im Internet unterwegs. Da ist mir aufgefallen, dass der Begriff „Alter weißer Mann“ ganz oft benutzt wird, aber auch, dass sich verschiedene Leute verschiedene Dinge darunter vorstellen. Es gibt zwar immer einen Grundkonsens, dass „ein alter weißer Mann“ jemand ist, der immer ein wenig zukunftsfeindlich ist, jemand, der Feminismus problematisch findet, jemand, der mächtig ist. Aber darüber hinaus ist es mir schon ganz oft passiert, dass jemand von einer bestimmten Person sagte, das sei ein alter weißer Mann, und ich dachte „Nur weil der dir widerspricht ist es noch lange kein alter weißer Mann!“. Und dann fand ich es spannend, diesen Begriff einmal zu untersuchen. Es gibt noch keinen richtigen Versuch, die Fragen zu beantworten: Was muss man denn sein, um ein „alter weißer Mann“ zu sein? Und was nicht? Und da lag es nahe, sich mit weißen, mächtigen Männern darüber zu unterhalten.

Sie haben Interviews geführt, und daraus sind Porträts entstanden, die eine Momentaufnahme abbilden. Wie sind Sie auf diese Herangehensweise gekommen?
Ich wollte einerseits nicht einfach aufschreiben, was die Männer mir zu sagen haben. Der weniger interessante Teil ist der Interview-Teil. Meine Aufgabe war, herauszufinden, wie der Habitus ist und die Art und Weise ist, wenn mir jemand versucht zu zeigen, dass er eigentlich der große Vorzeige-Feminist ist. Ich wollte überprüfen: Kann er dieses Versprechen in seinem Verhalten mir gegenüber einlösen? Ein Interview-Buch wäre der Sache nicht gerecht geworden. Denn wenn wir eins genug haben, dann sind es Interviews mit alten weißen Männern.

Einige der Texte hören sich sehr lobend an, ich denke da zum Beispiel an den Text über Sascha Lobo (Blogger). Hatten Sie selbst manchmal Bauchschmerzen dabei, dass ein feministisches Buch Männer in dieser Art und Weise würdigt?
Nein, ich hatte damit überhaupt kein Problem. Denn Feminismus bedeutet für mich nicht, dass ich niemals Männer loben darf. Ich fand es wichtig, dass ich es mir erlaube, gewisse Männer für Dinge zu loben, die ich unabhängig von ihrem Dasein als Mann gut und richtig und wahr finde, weil ich dann viel entspannter und ehrlicher bin. Auch Sascha (Lobo), der viele wichtige Sachen im Treffen mit mir gesagt hat, ist natürlich in seiner Position unter anderem, weil er ein Mann ist. Und dass jedes Mal jemandem zum Vorwurf zu machen, ist so eine identitätspolitische Platte, die ich jetzt zu oft gehört habe. Sie wird auch der Komplexität der Diskussion nicht gerecht. Ich traue den Lesern und Leserinnen so viel Intellekt zu, dass sie natürlich wissen, dass dieser Mann nicht makellos perfekt ist, obwohl dieses Treffen trotzdem sehr glatt gelaufen ist. Natürlich kam die Kritik, dass es völlig überflüssig war, ein Buch mit Männern zu schreiben. Die Kritik kam häufig von Feministinnen, die gesagt haben, dass ich ein ganz anderes Buch hätte schreiben sollen. Ich habe den Arbeitsauftrag, den ich mir selbst gestellt habe, erfüllt: Nämlich mehr über den Habitus des alten weißen Mannes herauszufinden, und zwar nicht nur, indem ich alte weiße Männer treffe, sondern Männer, die mächtig sind, weil ich grade die Grauzonen spannend finde. Bei Männern, bei denen man nach dem Lesen den Eindruck hat, die wollen weder ein alter weißer Mann sein, noch sind sie das, aber trotzdem gibt es auch da immer wieder Stellen, die man als problematisch einordnen könnte.

Ihr Buch trägt den Untertitel „Ein Schlichtungsversuch“. Würden Sie denn sagen, dass das Schlichten gelungen ist?
Ich fand es in aller Linie wichtig, dem Buchtitel eine Methode zu geben. Es ist keine essayistische Streitschrift, und es war auch nicht mein Ziel, in diesen Gesprächen Streit mit diesen Männern zu schlichten. Ich wollte die Debatte schlichten. Und ich denke, das ist mir gelungen, weil dieses Buch schon von vielen Menschen gelesen wurde, die sonst gar nichts mit Feminismus am Hut haben. Und das war das Ziel. Ein zugängiches, interessantes und unterhaltsames Buch zu machen, das in seinen Grundthemen genauso feministisch ist wie die meisten anderen auch. So wird vielleicht dieses ganze große Thema auch Leuten vermittelt, die sich eben nicht jeden Tag im Internet damit auseinandersetzen.

Was bedeutet Feminismus für Sie?
Vor dieser Buch-Promo habe ich immer gesagt: Dass alle Menschen, egal wo sie herkommen, egal welches Geschlecht sie haben, egal welchen Glauben, was ihre Eltern beruflich machen, in welchem Land sie geboren sind, die gleichen Chancen haben können. Wegen der Vorwürfe, die mir gemacht wurden, möchte ich mittlerweile ergänzen, dass ich eigentlich nicht möchte, dass Feminismus bedeutet, dass das Regelwerk für Frauen in der Öffentlichkeit größer wird. Dass bestimmt wird, wie man sich zu verhalten hat, welche Bücher man zu schreiben hat, wie man sich zu äußern hat, welche Art von Humor erlaubt ist, sondern ganz im Gegenteil, dass Feminismus bedeutet, jede Frau darf sich so im feministischen Diskurs äußern, wie sie möchte, und dass es letztendlich keinen richtigen und falschen Weg gibt. Das hab ich tatsächlich mit ein bisschen Amüsement und auch Erschrecken erlebt, dass gerade Feministinnen auf einmal eine ganz genaue Vorstellung davon haben, welche Art von Frau sich wie äußern darf, und welche es auf keinen Fall darf.

Wer darf sich denn zum Beispiel im Diskurs nicht äußern?
Es gibt im Grundgesetz natürlich eine atemberaubende Meinungsfreiheit. Man muss nur manchmal damit rechnen und leben, dass es Gegenwind gibt. Genauso muss ich damit leben, kritisiert zu werden. Ich habe nur den Eindruck, das Motto der Kritik war: „Feminismus ist auf jeden Fall ganz wichtig, weil wir weibliche Vorbilder brauchen, aber die Passmann jetzt nicht unbedingt, weil die eine Pseudo-Feministin ist“. Und das finde ich ein relativ billiges Argument.

Waren Sie schon einmal in Magdeburg ?
Ja! Ich war für einen Text, den ich mit der Journalistin Valerie Schönian verfasst habe, einen ganzen Tag und Abend lang in Magdeburg. Wir haben uns auch in meiner Stadt, Köln, also in Westdeutschland getroffen, und als zwei Mitte-Zwanzigjährige über unseren Eindruck und unsere Erfahrungen von Ost und West gesprochen.

Karten für die Lesung im Moritzhof unter www.moritzhof-magdeburg.de