Buchpreis für Vorgängerroman

Eugen Ruge wurde 1954 in Soswa (Ural) geboren. Als er zwei Jahre alt war, gingen seine Eltern und er nach Ost-Berlin. Er ist Sohn des DDR-Historikers Wolfgang Ruge. Dort studierte er Mathematik. In den 1980er Jahren begann seine schriftstellerische Laufbahn mit Theaterstücken und Hörspielen. Für „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wurde er unter anderem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen die Bände „Theaterstücke“ und „Annäherung“ sowie die Romane „Cabo de Gata“ und „Follower“. „Metropol“ ist im Rowohlt Verlag erschienen.

2013 brachte das Theater der Altmark Stendal den Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ auf die Bühne. Der Autor selbst hatte das 430 Seiten starke Buch auf 78 Seiten gekürzt und umschreiben müssen.

Magdeburg l Als Eugen Ruge 2011 seinen Familienroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ vorlegte, gewann er den Deutschen Buchpreis. Der Roman wurde Bestseller und verfilmt. „Eugen Ruge spiegelt ostdeutsche Geschichte in einem Familienroman. Es gelingt ihm, die Erfahrungen von vier Generationen über 50 Jahre hinweg in einer dramaturgisch raffinierten Komposition zu bändigen“, urteilte die Jury damals.

Er hatte da schon von der Utopie des Sozialismus geschrieben, und es tauchten seine Großeltern auf, Charlotte und Hans, über die er bereits Material gesammelt hatte. Aber Ruge, so schreibt er jetzt im Epilog, wusste: „Es war eine Geschichte für sich.“ Er klammerte sie aus, auch, weil ein Großteil sich im „Metropol“ abspielte, einem legendären Hotel im Herzen von Moskau, für das er sich ein Zimmer vor seinem Bucherfolg gar nicht leisten konnte.

Nun aber lässt er dieses Haus mit seinem Mikrokosmos im Jahr 1936 aufleben. Charlotte und Hans gehörten zu den Bewohnern, die als Kommunisten von einer besseren Welt träumten und 1933 vor den Nazis ins Sehnsuchtsland Sowjet-union geflüchtet waren. Dann aber erlebten sie die furchtbare Zeit des politischen Terrors unter Diktator Stalin.

Monate voller Ängste, Sorgen und Hoffnungen

Charlotte und Hans hatten Kontakt mit einem später verurteilten trotzkistischen Verräter. Das konnte einem ganz schnell selbst den Kopf kosten, doch Charlotte und Hans wurden erst einmal nur freigestellt von ihrer Arbeit bei der OMS, dem Nachrichtendienst der Kommunistischen Internationale. Zimmer 479 im „Metropol“ wurde Zuhause der beiden – es waren Monate voller Ängste, Sorgen, Hoffnungen.

Ruge rekonstruiert die Erlebnisse jener Zeit. Die Kaderakte der 1986 verstorbenen Großmutter half dem Enkel, diesen Teil der Familiengeschichte intensiv zu recherchieren, jene Monate in den 1930ern aufleben zu lassen.

Was der Leser nun vor sich hat, sind mehr als 400 Seiten über eine Zeit, die keineswegs Neuland ist, aber doch stark hineinzieht in das Leben eines Paares, das überzeugt war von einer neuen Welt und sich Denunziation und Verurteilungen ausgesetzt sah. Immer mehr Menschen aus dem Umfeld verschwanden, wurden verhaftet. Man wusste, sie kamen in die Lubjanka, dieses berüchtigte Untersuchungsgefängnis der Geheimpolizei NKWD. Es lag gleich gegenüber vom „Metropol“. Anfangs dachte Charlotte noch, Lubjanka komme von Liebe – Ljubow. Sie hatte sich mehrfach geirrt in ihrer Einschätzung vom Hoffnungsstaat Sowjetunion. Nicht nur Anstehschlangen nach Lebensmitteln, nach all den Dingen, die man brauchte für den täglichen Gebrauch, irritierten sie zunächst.

Ruge zeichnet ein feines Porträt vor allem von der verunsicherten, zerrissenen, loyalen Charlotte. Er lässt sie denken und fühlen. Ganz ohne Larmoyanz von einer Zeit der Schauprozesse, der Beschuldigungen und des Misstrauens zu erzählen, einer Zeit, in der selbst der Vorsitzende des Obersten Gerichts sich nicht sicher sein konnte, wegen Verschwörungstheorien auf der Anklagebank zu landen, ist nicht ganz einfach. Für Ruge aber kein Problem. Mit „Metropol“ ist ihm ein großartiges Stück Zeitgeschichte gelungen, bewegend und fesselnd.

Symptomatisches Schweigen einer Generation

Der Schriftsteller die außergewöhnliche Geschichte seiner Familie fortgeschrieben. Wie er selbst beim Kultursender Arte sagte, sei es ihm auch um das symptomatische Schweigen einer Generation von Kommunisten in der DDR über den Stalinismus gegangen.

Seine Großmutter hatte ihr Leben lang nicht über diese Zeit gesprochen. Ruge schreibt im Prolog: „Dies ist die Geschichte, die du nicht erzählt hast. Du hast sie mit ins Grab genommen. Du warst sicher, dass sie niemals wieder ans Licht kommt.“

Eugen Ruge ist am 6. Februar 2020 mit seinem Roman „Metropol“ im Literaturhaus Magdeburg zu Gast. Die Lesung beginnt um 19 Uhr. Karten unter Telefon 0391/404 49 95.