Literatur

Gregor Sander sucht den „Osten im Westen“

Warum immer nur die ostdeutsche Seele erkunden? Der ostdeutsche Autor Gregor Sander macht es einmal umgekehrt und fährt in den äußersten Westen nach Gelsenkirchen.

Von Sibylle Peine, dpa Aktualisiert: 24.05.2022, 14:53
Cover des Buches "Lenin auf Schalke" von Gregor Sander.
Cover des Buches "Lenin auf Schalke" von Gregor Sander. Penguin Verlag/dpa

Berlin (dpa) – - Nach dem Mauerfall ging der neugierige Blick vieler Schriftsteller nach Ostdeutschland. Der Osten wurde auf die Couch gelegt, das Seelenleben der „Ossis“ nach allen Regeln der Kunst analysiert.

Mit der Zeit entstand so ein ganz neues Genre. Während diese Art der Literatur inzwischen Bibliotheken füllen könnte, fehlt die umgekehrte Perspektive auf den Westen fast vollständig. Höchste Zeit also, dass ein ostdeutscher Autor einmal im Westen vorbeischaut.

Eine Expedition in den armen Westen

Gregor Sander, gebürtiger Schweriner, wohnhaft im Prenzlauer Berg, wagt eine Expedition ins Unbekannte. Inspiriert von seinem alten Kumpel Schlüppi nimmt er die alte Arbeiterhochburg Gelsenkirchen im Ruhrpott ins Visier. Warum gerade Gelsenkirchen? Schlüppi hält handfeste Argumente parat: „Die sind in allen Statistiken führend. Also, von hinten. Ärmste Stadt Deutschlands, höchste Arbeitslosigkeit, geringstes Pro-Kopf-Einkommen.“ Genau aus dem Grund haftet Gelsenkirchen das zweifelhafte Etikett „Der Osten im Westen“ an. Also, nichts wie hin!

Gregor Sanders Buch „Lenin auf Schalke“ ist ein Zwitter aus Fiktion, Sozialreportage und Reiseführer. Die Hauptrolle hat der Ich-Erzähler Gregor Sander, in den Nebenrollen treten der Büdchenbesitzer Ömer und seine Freundin Zonengabi auf, eine fiktive Figur, die zur Zeit des Mauerfalls berühmt wurde, als sie auf dem Titelbild der „Titanic“ ihre erste „Banane“ aß (tatsächlich eine Gurke).

Bei Sander ist Zonengabi Schlüppis aus Sachsen stammende Cousine, für die die „Titanic“-Geschichte der Startschuss einer Modelkarriere wurde. Sie führt den Autor kundig zu den Highlights der ehemaligen Bergbaustadt: Kohle-Abräumhalden, die heute als Plattform mit Panoramablick über alte Zechenlandschaften dienen, frühere Bergarbeitersiedlungen wie Flöz Dickebank oder popbunte Siebzigerjahre-Architektur wie das Hamburg-Mannheimer-Hochhaus. Dieses himmelstrebende „Denkmal für die Träume Gelsenkirchens“ ist jetzt ein schnödes Jobcenter für die von hoher Arbeitslosigkeit geplagte Stadt und damit ein Symbol des Niedergangs.

Die Lenin-Statue in Gelsenkirchen

Eines der skurrilsten Kapitel, das auch den Titel des Buchs inspirierte, erzählt von der Errichtung einer Leninstatue im Sommer 2020 vor der „Kommandozentrale“ der MLPD (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands) in Gelsenkirchen-Horst. Das zwei Meter große Ungetüm soll vor Jahrzehnten in der Tschechoslowakei gefertigt worden sein. Der Errichtung vor der Parteizentrale der Kommunisten ging ein erbitterter juristischer Kampf mit der Stadt Gelsenkirchen voraus, die in Lenin partout keinen denkmalwürdigen lupenreinen Demokraten erkennen wollte. Doch die Stadt unterlag.

Die gespenstische Einweihungsfeier der Altkommunisten beschwört beim ostdeutschen Beobachter unwillkürlich Bilder einer fernen Vergangenheit herauf, Erinnerungen an seine erste Begegnung mit dem einbalsamierten Lenin in Moskau werden wach. Doch was bitte schön soll eine Diktatur des Proletariats ausgerechnet in Gelsenkirchen? „Hier gibt es ja kaum noch Arbeit.“

Der Niedergang der einst stolzen Stadt Gelsenkirchen macht melancholisch. Und so durchzieht auch eine Spur von Tristesse diese Entdeckungsreise, etwa wenn der Autor durch leere Einkaufsstraßen bummelt, oder ihn immer wieder bröckelnde Fassaden anblicken, die in scharfem Kontrast zu den schmucken Städten im Osten stehen.

Aber Sanders Sinn für Situationskomik, sein Einfühlungsvermögen und nicht zuletzt seine herzliche Zuneigung zu den in Gelsenkirchen verwurzelten Menschen fangen diese trüben Momente wieder auf, sodass das Buch insgesamt eine unterhaltsame Lektüre bietet.

Am Ende besucht Sander noch einen ganz besonderen Friedhof, ein im Jahr 2012 eröffnetes Gräberfeld für treue Fans von Schalke 04. Genau 1904 Grabstätten sind hier reserviert. So kann der Hardcore-Fan seinem Fußballclub über den Tod hinaus verbunden bleiben. Das gibt es nur auf Schalke.

Gregor Sander: Lenin auf Schalke, Penguin Verlag, München, 192 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-328-60187-6