Magdeburg l Und Smiley wird zur Jagd auf einen Doppelagenten wieder in den Dienst gerufen.

Es war sein Werk für die Ewigkeit, der Agententhriller „Dame, König, Ass, Spion“, in dem der Schriftsteller John le Carré die Subwelten der Geheimdienste in West und Ost aufdröselte und ergänzt um subtile Seitenstränge wieder verknüpfte. Smileys Schöpfer John le Carré starb am Sonnabend im Alter von 89 Jahren.

Der englische Bestsellerautor unterschied sich gar nicht so sehr von seinen Wegbereitern. Ian Fleming, der Bond-Erfinder, und Graham Greene waren Agenten für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 gewesen wie er selbst. Dass Carrés erzkonservativer Rivale Frederick Forsyth auch in diese Schule ging, versteht sich fast von selbst.

Mit James-Bond-Szenarien haben le Carrés Bücher nichts zu tun. Dort tobt Krieg der besten Köpfe in düsteren Büros. Die Handlungslinien seiner Agententhriller bewegen sich in einem literarischen Hexagon, dessen Eckpunkte mit Geheimnissen, Lügen, Verstellung, Verrat, Manipulation und enttäuschender Liebesbeziehungen bestimmt sind. Tote gibt es trotzdem reichlich.

1979, als le Carré längst ein Weltstar ist, wird „Dame, König, Ass, Spion“ als britische Fernsehserie verfilmt. Alex Guiness spielte George Smiley und machte legte die Figur bildlich fest. Sein Smiley entlarvt schließlich den Top-Agenten Moskaus, der direkt in der Zentrale des MI6 sitzt.

Und le Carré kannte die Hintergründe der wahren Geschichte. Es ist das gleiche Jahr, in dem Margaret Thatcher die letzten Details über die „Cambridge Five“ der lange getäuschten britischen Öffentlichkeit vorlegt. Ein sowjetischer Spionagering, der aus fünf Cambridge-Absolventen bestand, hatte zehntausende Geheimakten in den Kreml geliefert und zur Enttarnung Dutzender Agenten des Westens geführt. Der bekannteste Doppelagent des Quintetts, Kim Philby, der sich 1963 in letzter Minute nach Moskau abgesetzt hatte, tourte später im Ostblock und war 1981 sogar einmal Starredner vor Spionen der Stasi. Selbstverständlich übernahm die graue Eminenz der DDR-Auslandsspionage, Markus Wolf, persönlich die Begrüßung und Vorstellung seines berühmten Kollegen. Letztere Episode kam erst 2016 heraus. Es zeigte sich, dass le Carré die Realität nur in Fiktion verwandelt hatte.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kam le Carré sein großes Thema abhanden. Die Welt der Spione schien Geschichte zu sein. Das war ein Irrtum, aber er wechselte die Themen, wobei die handelnden Personen ebenso wie ihre psychologische Brillanz etwas verblassten. Im Gegenzug stieg die Verfilmbarkeit seiner Stoffe weiter an. „Der Nachtmanager“, „Der Schneider von Panama“, „Der ewige Gärtner“ und „Verräter wie wir“ sind Beispiele, wie man Spannung, exotische Schauplätze und halbwegs glaubwürdige Storys zu solider Unterhaltung für Buch und Kino entwickeln kann.

So weit entfernt von der Realität waren auch diese Geschichten nicht: Der Wirecard-Skandal mit verschwundenen Milliarden, einem in Russland abgetauchten Vorstand mit fünf Pässen, wertlosen Scheinfirmen in Asien und direkten Kontakten ins Kanzleramt könnte direkt aus dem Spätwerk von le Carré stammen.

Als er selbst etwas aus der Mode gekommen war, retteten ihn Smileys Abenteuer über die Zeit. Die Neuverfilmung von „Dame, König, Ass, Spion“ von 2011 war die Verneigung vor dem Autor. Ein bis ins letzte Detail präzises Drehbuch, die Starbesetzung mit Gary Oldman (Smiley), Colin Firth (Bill Haydon/Kim Philby) und John Hurt (Control) und eine Filmmusik wie eine Sinfonie bleiben der Maßstab für einen Agententriller für Intellektuelle.

Nur bei der Frage nach der Authentizität angeblich hochgeheimer Akten der Gegenseite machte sich Smileys Chef Control – anders als im Roman – nun keine Illusionen mehr: „Nichts ist mehr echt.“