Magdeburg l Sandra Heuchel sagt, sie kenne nur die Spitze des Eisberges an Schuldzuweisungen und Beschimpfungen. Natürlich weiß sie um den wochenlang ausgetragenen Kündigungs-Streit im vergangenen Jahr zwischen dem einstigen Vorstand unter der Vorsitzenden Dorothea Iser und dem ehemaligen Geschäftsführer Jürgen Jankofsky und der damit verbundenen Zwei-Fronten-Bildung im Lese-Verein. Für Heuchel ist das aber Vergangenheit. „Ich blicke nach vorn“, sagt die neue Geschäftsführerin des Bödecker-Landesverbandes.

Seit 1. März ist sie im Amt, hat etliche Gespräche geführt – mit Bibliotheken, Schulen, den Verwaltungs-Partnern und dem Geldgeber, dem Land. Zudem muss sie sich reinfuchsen in eine Autoren-Welt, die ihr noch fremd ist. Heuchel kommt nicht aus Sachsen-Anhalt. Sie ist Thüringerin. Sie kommt auch nicht aus der Literaturszene, sondern hat in Jena Medienwissenschaften studiert, fürs Fernsehen und verschiedene Kultureinrichtungen gearbeitet. Sie war Verwaltungsleiterin an einem Theater, dann in der Projektkoordination um die Kasseler Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 tätig. Als die Stadt das Ziel selbst ad acta gelegt hat, startete sie die Suche nach einer neuen Herausforderung. Der Bödecker-Kreis suchte einen neuen Chef. Der ist sie nun.

Ruhe, die dem Verein gut tut

Die 40-Jährige strahlt Ruhe aus – die dem Verein ausgesprochen gut tut. Gerade war sie im Kulturministerium, wo man ebenfalls erleichtert sein dürfte, dass die Arbeit geordnet weitergeht. Auch, dass ein neuer Vorstand unter Torsten Olle seit Januar die Zügel in der Hand hat. „Wir diskutieren ergebnisoffen, stimmen uns immer ab“, sagt Olle zur Arbeit mit Heuchel. „Der Vorstand ist kein Abnickverein“, so der 54-Jährige mit Blick auf Bisheriges. Jankofsky war bekannt als Macher, Sager, Bestimmer.

Olle, Schriftsteller und Magdeburger Schuldirektor, darf man in der Literaturszene als bekannt wie einen bunten Hund bezeichnen. Heuchel hingegen ist die ganz Neue, die in der Geschäftsstelle im Magdeburger Literaturhaus ohne Ressentiments angefangen hat. Sie sieht das als Plus, weil sie nicht auf eingefahrenen Gleisen fährt. „Ich möchte auch von unseren Partnern erfahren, ob und wo es Änderungsvorschläge gibt, was wir inhaltlich und organisatorisch verändern sollten“, sagt sie, ohne, wie sie betont, Bewährtes umzukrempeln. Das Jahr 2019 will sie dann analysieren, wenn sie ein Jahr im Amt ist. Seit diesem Monat gibt es bereits eine halbe Stelle für Projektkoordination zusätzlich in der Geschäftsstelle.

Was die Schriftsteller, auch die Schulen freuen dürfte: Sämtliche Projekte für 2019 sind sicher: Workshops, Schulschreiber, die Interlese im November, die Lesekrone, mit Tausenden teilnehmenden Grundschulkindern einer der erfolgreichsten Wettbewerbe im Land. „Es war ein Kraftakt. Aber es wurde für dieses Jahr kein Projekt gestrichen“, sagt Olle, der sich auch froh zeigt, dass das Redaktionsteam von Sachsen-Anhalts Literaturzeitschrift „Ort der Augen – Oda“ weiter arbeitet. „Oda“ gibt es seit 25 Jahren.

299 Mitglieder im Verein

Und die Lagerbildung im Verein? Wie ist es bestellt? „Es ist Ruhe eingekehrt“, sagt Olle mit Erleichterung. „Das Schiff war auf eine Sandbank gelaufen. Wir bringen es wieder ins Fahrwasser.“ 299 Mitglieder zählt der Verein im Moment. Es waren 340.

Der Bödecker-Kreis kümmert sich im Auftrag des Landes um jugendkulturelle Bildungs- und literarische Nachwuchsarbeit. Zudem trägt der Verein zur Förderung und Verbreitung der Gegenwartsliteratur des Landes bei. 2018 unterstützte das Land den Verein allein institutionell mit 220  000 Euro.

Jankofsky wurde im vergangenen Sommer vom Vorstand gekündigt. Die damalige Vorsitzende Iser stellte zudem gegen ihn Strafanzeige. Es ging um Betrug und Vorteilsnahme. Vor Weihnachten hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wegen eines nicht hinreichenden Tatverdachts eingestellt. Im Januar hätte Jankofsky aus Altersgründen seinen letzten Arbeitstag gehabt. Meinung