Mario Vargast Llosa zum 85. Geburtstag

Löwe der Literatur und des Lebens

Der peruanische Starschriftsteller und Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa wird 85

Von Gert Glowinski
ARCHIV - 29.02.2016, Spanien, Madrid: Mario Vargas Llosa, peruanischer Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger von 2010, sitzt in seiner Wohnung. Am 28.03.2021 wird Vargas Llosa 85 Jahre alt. (zu dpa-Porträt "Nobelpreisträger im Unruhestand - Mario Vargas Llosa wird 85") Foto: Kiko Huesca/EFE/epa/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Magdeburg

Llosa, Jahrgang 1936, entstammte der peruanischen Mittelschicht, wuchs aber nach der Trennung seiner Eltern aus finanziellen Gründen zunächst in Bolivien auf, wohin seine Mutter gezogen war. Zurück in Peru besuchte er schließlich höhere Schulen und eine Kadettenanstalt. Danach studierte er Literatur und erwarb den Abschluss. Ein typischer Weg für einen Sohn des Bürgertums dieser Zeit in Südamerika.

Bereits mit seinem ersten Buch „Die Stadt und die Hunde“, in der er seine Kadettenzeit bearbeitete, erregte er Aufsehen: Das Werk enthielt aus Sicht der peruanischen Oberschicht Sprengstoff. Der Erfolg bestärkte ihn freilich, nicht klein beizugeben, obwohl er sich nun den Anfeindungen des konservativen Establishments Perus ausgesetzt sah.

„Ein Effekt der Literatur ist es, kritische Menschen hervorzubringen den Machthabern gegenüber“, kommentierte er später seine Romane, die immer eine politische Dimension aufwiesen. Seine Produktivität war in der Liga, in der er schrieb, fortan nicht zu übertreffen.

Engagement in der Politik

1990 folgte Llosa dem Traum vieler Künstler und ging in die Politik. Peru war seiner Zeit nicht nur heruntergewirtschaftet, sondern befand sich in der Gefangenschaft der marxistisch-maoistischen Terrorgruppe „Sendero Luminoso“. Der „Leuchtende Pfad“ hatte bereits über 40.000 Menschen ermordet und war Schritt für Schritt dabei, das gesamte Land zu übernehmen. Der AnführerAbimael Guzman hatte sich bereits in der Hauptstadt Lima eingerichtet. Llosa, der sich längst von seiner Phase als Kommunist abgewandt hatte („Wir glaubten damals jedes Wort, das Jean-Paul Sartre schrieb.“), trat für eine Mitte-Rechts-Koalition in der Stichwahl für das Präsidentenamt gegen den Außenseiter Alberto Fujimori an. Dieser gewann überraschend und schaffte es schließlich auch, den „Leuchtenden Pfeil“ zu besiegen.

Für Llosa war die Niederlage auch ein Zeichen, dass sich ein Volk in einer kritischen Phase eher den Hardliner als den Schriftsteller entscheidet. Er beendete seine politischen Ambitionen und konzentrierte sich auf seine Laufbahn als internationaler Großschriftsteller, was ihm glanzvoll gelang. „Ein Effekt der Literatur ist es, kritische Menschen hervorzubringen den Machthabern gegenüber“, so definierte er fortan seine Aufgabe als Autor.

Die Freundschaft mit dem kolumbianischen Antipoden Gabriel García Márquez, der bereits 1982 den Literatur-Nobelpreis erhalten hatte, aber weiterhin Diktatoren wie Fidel Castro hofierte, ging dabei in die Brüche: „Unsere Brüderlichkeit zerbrach an politischen Differenzen. Wie es immer ist.“ Moderne Linkssysteme lehnt er, auch in Kenntnis der realen historischen Erfahrungen, ab: „Wer an einem himmelsgleichen System arbeitet, das die Ausbeutung und Unterdrückung der Menschen durch eine angeblich perfekte kollektivistische Ordnung aus der Welt schaffen will, der produziert die Hölle auf Erden.“

Umzug nach Westeuropa

Llosa zog nach Westeuropa und trat in eine neue künstlerische Phase ein. Er kultivierte seinen Stil, den eine Mischung aus Hochsprache, Spannung und Gesellschaftskritik auszeichnen. Seine Bücher wurden nun in der Regel Bestseller. Die Meisterjahre erreichte er zwischen 1990 und 2000 mit den Romanen „Tod in den Anden“ – einem Amalgam aus literarischer Hochkunst, Thriller und peruanischer Regionalität – und dem „Fest des Ziegenbocks“, einer Abrechnung mit der Trujillo-Diktatur in der Dominikanischen Republik.

Dass er 2010 den Nobelpreis für Literatur erhielt, war berechtigt, erscheint aber – gemessen an der epischen Breite seines mehrdimensionalen Werks – eher unbedeutend. Man zeichnete aber einen Löwen der Literatur aus, der sich nicht am Rande der Kunstwelt bewegte, sondern immer mitteldrin.

2013 Jahre später fand Llosas Karriere mit dem Roman „Ein glänzender Held“, ein langatmiges, fast kischiges Werk, verfasst im Stil einer Telenovela, auch ihren literarischen Tiefpunkt. Unabhängig davon blieb er ein scharfsichtiger Beobachter des Kulturbetriebs und machte in präzisen Sachtexten den Niedergang des Westens nicht nur in seiner unmoralischen Machtpolitik fest, sondern vor allem in seinem kulturellen Verfall.

Im Sachbuch „Alles Boulevard – Wer seine Kultur verliert“ (2012) rechnete er mit dem kulturellen Verflachung im Spätkapitalismus wie ein römischer Philosoph mit jenem der Kaiserzeit ab. Darin lästerte er gekonnt über den „Einzug des singenden Models Carla Bruni“ in den Élysée-Palast als Madame Sarkozy und das folgende Medienfeuerwerk, was etwas voreilig war.

Nicht viel später fand er sich selbst in den Boulevard-Seiten wieder, als er 2015 seine zweite Ehefrau verließ und fortan mit dem einstigen Model Isabel Preysler zusammenlebte, die wiederum in erster Ehe mit Julio Iglesias verheiratet war und Mutter des Pop-Stars Enrique Iglesias ist.

Die Religion beurteilt Llosa inzwischen deutlich milder, auch weil er ihr Aufgabe für die Lebensbewältigung der Menschen anerkennt: „Wir haben uns geirrt, als wir behaupteten, die Menschen könnten ohne Religion auskommen. Aber nur eine Minorität ist in der Lage, Religion durch Kultur zu ersetzen.“

Gegen Hardliner und Ideologen setzt er sich textlich und in Interviews, die in der Regel sehr lesbare Kost sind, zur Wehr: „Der richtig verstandene Liberalismus ist eben keine Ideologie, sondern ein offenes, der Selbstkritik verpflichtetes Ideensystem.“ Dem Eingriff in das Leben des Einzelnen durch den Superstaat, angeführt von Gestalten, die alles besser wissen als die normalen Menschen, misstraut er zutiefst: „Viele Intellektuelle haben einen blinden Fleck – nämlich ihren eigenen Verstand. Sie sind davon überzeugt, dass sich das, was sie in ihren Köpfen ausbrüten, über die Welt da draussen stülpen lässt. Das ist ein historischer Irrtum. Hayek war da viel smarter, indem er zeigte: Viele der erfolgreichen Institutionen – von der Sprache bis zum Markt – entstehen spontan, durch die Interaktion der Menschen, also ohne ordnenden Superintellekt“, sagte er 2018 im Gespräch mit der „Neuen Zürcher Zeitung“.

Unablässig predigt Llosa den Wert der Literatur für eine aufgeschlossene Gesellschaft. Dafür formuliert er einen guten Grund: „Ein Volk, das nicht liest, ist viel leichter zu manipulieren.“

A hand-pulled rickshaw driver waits for passengers at a street in Kolkata on April 6, 2021 (Photo by Jewel SAMAD / AFP)
AFP