Magdeburg l Isabella Krause ist Gelegenheitsschauspielerin. Das Kindertheater, an dem sie einst arbeitete, wurde zwei Jahre nach dem Mauerfall geschlossen. Sie musste sich durchschlagen, ihre Rollen waren bescheiden, Aufträge unregelmäßig. Und so arbeitete sie als Synchronsprecherin oder als Animateurin im Altenheim. Als Schauspielerin aber möchte sie gern vor der Kamera stehen und entschließt sich, eine Einladung zu einem Casting-Termin anzunehmen. Doch anstatt für Joghurt zu werben, soll sie für die TV-Serie „Wild-Ost“ Leute auftreiben. Gesucht: Zehn Ostdeutsche, die über das Leben im Osten erzählen, wie es wirklich war. Der Drehchef, Aehnlich nennt ihn bedeutungsschwer Chief, ist ein Westdeutscher mit hochgradig mangelhafter Sensibilität für Ost-Themen. Er reduziert auf Menschen, die über Mangelwirtschaft jammern und die Bevormundung durch den Staat anprangern.

In der DDR mit dem Werkbus zur Schicht

Doch dann kehrt Frau Krause an den Ort ihrer Kindheit zurück, das Nest Minkewitz, und holt Leute vor die Kamera, die ganz anders ticken. Weil sie vom ganz normalen Leben erzählen, das von Arbeit geprägt war und Wünschen und Hoffnungen. Da wurde ausgelassen gefeiert in der Tanzschule Kaiser, und für den Theaterbesuch die Kittelschürze eingetauscht mit dem Kostüm. Am nächsten Tag ging es wieder mit Werkbus zur Schicht oder zur Kreller Melitta, die in der Mitropa arbeitete und das Feierabend-Bier für die Walzwerker zapfte.

Isabella geht durch den Ort. Der Bahnhof ist verwaist, das Wälzlagerwerk auch. Am Kindergarten und der Grundschule sind die Scheiben eingeschlagen.

Schlaraffenland mit Geschirrspülmittel

Der Filmemacher beschwert sich. „Das war nicht die DDR, die er in seinem Film abbilden wollte: eine uneinsichtige Kindergärtnerin, ein Kraftwerksmitarbeiter, der auch noch stolz darauf war, dass er die Umwelt verpestet hatte, und von dem Panoptikum in der Kneipe ganz zu schweigen. Wo waren denn die anderen?“ So kann der real­existierende Sozialismus nicht ausgesehen haben.

Aehnlich hat mit großer Überhöhung die gegenwärtige Gefühlslage so manches Ostdeutschen aufgespießt. Sie spielt geschickt mit Vorurteilen. „Es geht überhaupt nicht um Wessi-Bashing, sondern um einen differenzierteren Blick auf Ostdeutschland“, sagt sie. Das Differenziertere fordert sie auch von Ostdeutschen ein. Den Westen durfte man nicht nur auf duftende Pakete aus einer heilen Welt reduzieren, auf ein „Schlaraffenland, in dem man sich mit Geschirrspülmittel die Hände pflegte“. Arbeitslosigkeit, so schreibt Aehnlich, konnte man sich nicht vorstellen. Sie lässt ihre Isabella sagen: „Meine Großmutter hat immer gesagt, die sind nur zu faul zum Arbeiten.“

Wenn man Aehnlichs Roman liest, fühlt man sich sehr in den aktuellen Diskussionen um eine wieder wachsende Mauer in den Köpfen. Die Idee zum Buch aber habe sie schon ganz lange mit sich herumgetragen, sagt die Markkleebergerin. Seit Jahren schon würden die jetzt hochkommenden Befindlichkeiten schwelen. Aehn­lich, die als Journalistin für MDR Figaro arbeitet, sei immer stärker bewusst geworden, dass die DDR, so sagt sie, vor allem in der Aufarbeitung, weniger im Alltag abgebildet worden sei. „Die DDR wurde entweder putzig oder als Unrechtsstaat wahrgenommen“, sagt sie.

DDR-Alltagsleben im Buch lebendig

Die Autorin, 1957 in Leipzig geboren, macht das DDR-Alltagsleben im Buch mit ihren eigenen Erinnerungen lebendig – wie das Treffen mit Freunden an der Weltzeituhr in Berlin. Auch Isabella hat sich die Wartezeit auf Freunde mit dem Lesen der Städtenamen verkürzt. Und heute? „Die Uhr hat ihr das Gefühl gegeben, dieser Platz wäre der Mittelpunkt der Welt. Heute schämt sie sich für ihre Naivität, denn war es nicht ein unglaublicher Zynismus gewesen, mitten hinen in das eingemauerte Land eine Weltzeituhr zu bauen?“

Kathrin Aehnlich ist eine sehr empathische Schreiberin. Auch ihr neuestes Buch hat viel Wärme in den Zeilen, die nicht ausschließt, den Finger in die Wunde zu legen und Missverständnisse aufzuzeigen, die über das Jägerschnitzel hinausgehen.

In diesen Wochen stellt Kathrin Aehnlich ihren Roman „Wie Frau Krause die DDR erfand“ (Verlag Antje Kunstmann) in Lesungen vor. Am 21. November erzählt sie in Magdeburg von Isabella und ihrer Suche nach DDR-repräsentativen Menschen. Dann hat sie auch eine Lesung in München hinter sich und kann berichten, wie ihr Roman dort aufgenommen wurde.

Lesung am 21. November, 19 Uhr, Evangelische Erwachsenenbildung, Bürgelstraße 1, Magdeburg. Eintritt: 8 Euro. Anmeldungen unter christine.nitschke@ekmd.de. Vorverkauf: Buchhandlung Wahle, Breiter Weg 174, Magdeburg.