Magdeburg l Als Inger-Maria Mahlke 2017 Stadtschreiberin in Magdeburg war, entstand zu großen Teilen ihr Roman „Archipel“. Der wurde im Oktober mit dem Deutschen Buchpreis gewürdigt. Mahlke war am Mittwoch wieder in Magdeburg. Vor der Lesung im Forum Gestaltung sprach Grit Warnat mit ihr über das Buch, den Preis und was sich seitdem für sie verändert hat.

Volksstimme: Frau Mahlke, wie kann man sich in Magdeburg für ein Buch über Teneriffa inspirieren lassen?

Inger-Maria Mahlke: Ich schreibe sehr gerne aus der Erinnerung. Ich bin ungern in der Umgebung, die ich gerade beschreibe, weil dann alles auf einen einstürzt und alles eine Art Wimmelbild wird. Durch das Erinnern wird alles ruhiger, gesetzter.

Für die meisten ist Teneriffa eine Urlaubsinsel. Was ist sie für Sie?

Eine Art zweite Heimat. Ich habe sämtliche Ferien dort verbracht. Dort war das Haus meiner Großeltern.

Findet man das Haus Ihrer Großeltern im Buch?

Nein, auch nicht meine Großeltern. Ich schreibe nicht über reale Orte und auch nicht über reale Menschen. Ich übernehme höchstens einzelne Wesenszüge, das aber auch so dosiert, dass sich derjenige nicht selber erkennen würde. Darauf lege ich Wert.

Ihr Buch ist Erinnern. Sie gehen vom Jahr 2015 zurück in die Vergangenheit. Sie erzählen Geschichte rückwärts. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Es ergab sich aus dem Stoff. Ich habe angefangen, die Inselgeschichte des 20. Jahrhunderts zu recherchieren. Anfang des letzten Jahrhunderts hatte der Staat kein Interesse an den Inseln, internationale Firmen haben das soziale, politische und ökonomische Leben geprägt. Dann kamen der Putsch, Bürgerkrieg, Franco-Diktatur mit einer Spanisierung der Inseln, bis hin zum Stierkampf, der eingeführt wurde. Später gab es die Kreditkrise, ab den 70er Jahren den Massentourismus. Diese Geschichtsschreibung war für mich die Makro-Ebene. Die Insel mit ihren Brüchen war für mich wie viele verschiedene Inseln. Und dann hatte ich mit den Personen die biografische Ebene und die Erinnerung. Wissen Sie, unsere Identität ist nichts Stabiles, es geht in unserem Erinnern viel verloren. Das Rückwärtserzählen war mein Versuch, all diese Brüche offenzulegen.

Ihr Erinnern, Ihr Rückwärtserzählen ist eine Herausforderung für den Leser.

Ich weiß.

Das wollten Sie?

Man möchte ein Buch natürlich so lesefreundlich wie möglich machen. Aber ich hatte diese Idee und dieses Konzept im Kopf.  Es gibt bestimmte Sachen, die korrumpiere ich einfach nicht.

Das hat sich gelohnt. Mit dem Deutschen Buchpreis steht Ihr Name seit Wochen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Sie genießen das sicher sehr?

Ja natürlich. Es ist vor allem schön, weil man weiß, dass das eigene Buch gelesen wird. Und der Verkauf von Büchern öffnet Spielräume. Man hat andere Freiheiten.

Das heißt, Sie arbeiten an einem neuen Buch?

Noch nicht so richtig. Ich bin ja seit der Buchpreisverleihung die ganze Zeit unterwegs. Ich hatte kaum Ruhe. Ich recherchiere zwar und sammele Material, aber zum Schreiben komme ich nicht.

Ihr jetzt mit dem Buchpreis  ausgezeichneter Roman ist auch in Magdeburg entstanden, als Sie Stadtschreiberin waren. Wie wichtig ist für einen Literaten solch ein Stipendium?

Es ist sehr wichtig. Man ist weg von seinem eigenen Alltag. Vor allem aber hat man einen klar definierten Raum, der zum Schreiben da ist. Hier in Magdeburg waren es sieben Monate, in denen für mich klar war, dass ich nur an meinem Buch arbeite. Nichts lenkt ab.

Was ist alles in Magdeburg entstanden?

Der Gipfel sozusagen. Ein Buch ist wie eine Bergbesteigung. Es geht sehr mühsam aufwärts, irgendwann ist der Gipfel da, das ist das zehrendste Stück des Weges. Bergab geht es leichter, auch im Schreibprozess. Der wird schneller. In Magdeburg war die anstrengendste Strecke.

„Archipel“ wird oft als Familienroman bezeichnet. Geht er nicht doch darüber hinaus, weil Sie alles sehr stark mit geschichtlichen Umbrüchen verweben?

Es ist schwierig, nur einen Familienroman zu schreiben, weil jede Familie in einem sozialen und historischen Kontext lebt. Für mich war es der Versuch zu zeigen, wie unterschiedlich sich historische Entwicklung auf die jeweiligen Familien auswirken und wie stark man historischen Prozessen ausgeliefert ist. Ich finde es nahezu unmöglich, über jemanden zu schreiben, ohne den politisch-sozialen Hintergrund mit einzubeziehen.

Hatten Sie irgendwann das Gefühl, dass es das Buch auf die  Short-List schaffen kann?

Da ist immer etwas Hoffnung da. Beim Schriftsteller, beim Verlag. 2015 war ich schon einmal auf der Short-List vertreten.

Das Prozedere um den Buchpreis mit sechs Autoren zum Schluss ist nicht unumstritten. Verspürten Sie Druck vor der Preisverleihung in Frankfurt?

Überhaupt nicht. Ich hatte doch nichts zu verlieren. Ich hatte mit der Nominierung auf die Short-List schon viel mehr Aufmerksamkeit, als ich es wahrscheinlich unter normalen Umständen gehabt hätte. Und wenn man den Preis gewinnt, ist man nur noch glücklich.