Haldensleben l Schon als Kind stand Charlotte Simon (20) staunend in Halle eins bei der Leipziger Buchmesse. Sie sah die exotisch, mit viel Aufwand verkleideten Messebesucher und fragte sich, was es damit auf sich hat. Ihre Eltern klärten sie auf: kein Karnevalsverein, der sich verlaufen hat. Nein, Cosplayer.

Japanische Kultur

Florian Werner (30) ist Japanologe im vierten Mastersemester an der Uni in Leipzig. Er kennt sich aus mit der japanischen Kultur und ihren Spuren in Deutschland. „Cosplay kann man als ein werkbezogenes Kostümieren beschreiben, bei dem ein Charakter dargestellt wird“, sagt er. Wobei nicht nur Figuren aus japanischen Mangas (Comics) und Animes (Zeichentrickfilme) „gecosplayed“ werden, sondern auch aus Computerspielen oder amerikanischen Fantasy-, Science-Fiction- und Superhelden-Filmen wie Star Wars, Spiderman oder Pirates oft the Caribbean. Florian Werner schätzt, dass in Deutschland einige zehntausend Cosplayer aktiv ihrem Hobby nachgehen. Dennoch ist es laut dem Japanologen, anders als in Japan, eine Subkultur, eine Nischenfreizeitbeschäftigung.

Als die Haldensleberin Charlotte damals in Halle eins begriff, was sich hinter den skurril Verkleideten verbirgt, war sie fasziniert. Charlotte mag genau das, was Florian Werner als Subkultur bezeichnet: „Cosplay macht nicht jeder. Anders als beim Fasching, da hat jeder in seinem Leben schon mitgemacht.“

Außerdem ist da noch die Community, die sie begeistert. Also die anderen Cosplayer, die es auf der Welt gibt, vernetzt über Twitter, WhatsApp, Facebook und Instagram. „Als ich bei der Buchmesse in einem Café auf meine Freunde gewartet habe, wurde ich von anderen Cosplayern angesprochen und wir kamen ins Reden“, erzählt Charlotte. Mit zehn Jahren hielt Charlotte ihren ersten Manga in der Hand: „Hana-Kimi“. Ihre Mutter gab ihn ihr. Sie hatte ihn von einer Freundin bekommen und dachte, das wäre etwas für ihre im Zeichnen begabte Tochter. „Ich war sofort begeistert“, sagt Charlotte. Sakura aus „Naruto“ war schließlich der erste Charakter, den sie auf der Buchmesse darstellte. „Meistens wählen Cosplayer einen Charakter aus dem Werk, das sie gerade lesen“, erklärt Florian Werner.

Kostüm für Messe nähen

Auch Sarah Lubitz ist über Mangas und die Buchmesse zum Cosplayen gekommen. Die 19-jährige Abiturientin aus Osterweddingen war begeistert von den aufwendigen Kostümen und dachte: „Das will ich auch.“ Ihre erste Verwandlung war Deidara aus dem Anime „Naruto Shippuden“, ein abtrünniger Ninja mit langem Mantel, Linse und Stirnband. Drei Wochen vor der Buchmesse fing sie an, sich das Kostüm dafür zu nähen. „Ich habe mich gefühlt wie ein Schauspieler“, sagt sie. Messebesucher kamen und wollten Fotos mit ihr machen. Charlotte erinnert sich auch an Fremde, die sie einfach umarmt haben. Die beiden fahren nicht nur jedes Jahr zur Buchmesse, der größten Veranstaltung für Cosplayer im Osten, sondern auch zur Convention „Contaku“ im Moritzhof.

Dem Alltag für ein paar Stunden entfliehen, mal jemand ganz anderes sein, sich selbst zurücklassen. Darin liegt für den Japanologen Florian Werner ein Reiz vom Cosplay. Das sieht Charlotte genauso: „Ich kann meine Probleme einfach mal einen Tag vergessen und jemand anderes sein, auch mal ein Junge.“ Und Sarah sagt: „Im Unterschied zum Fasching ziehe ich nicht einfach nur ein Kostüm an und das war‘s. Ich bin für den Moment diese Person und nehme auch ihren Hintergrund an.“

Im Gegensatz zu Sarah näht Charlotte ihre Kostüme nicht selbst. Sie kauft sie. „Mir fehlten einfach ein bisschen das Händchen und auch die Zeit dazu.“ Manchmal tunt sie ihre Kostüme mit selbstgemachten Accessoires.

Während es Charlotte reicht, einfach ein Kostüm anzuziehen und für Fotos zu posen, versucht Sarah ihrem Charakter auch in Mimik, Gestik und Redensart nahe zu kommen. „Es ist jedem selbst überlassen, ob er schauspielert. Es geht vor allem um das Gefühl, einem Werk und einem Charakter mit Hilfe der Verkleidung näher zu kommen“, erklärt der Japanologe Florian Werner.

Hashtag des Monats

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