Magdeburg l Ben Becker hat sich nicht nur einen Namen gemacht als Schauspieler. Er ist bekannt für seine rauhe, kratzige, unverwechselbare Stimme und seine ganz besondere Rezitierkunst. Eine Lesung ist bei ihm eine Performance. Große Mimik inklusive. Für sein Programm „Der ewige Brunnen“ greift der Schauspieler zur deutschen Dichtkunst. Heine, Goethe, Rilke, Fontane, alle Großen hat der Berliner auf der Bühne versammelt. Am Sonntagabend ist Ben Becker zum Abschluss der Domfestspiele geladen. Kein Platz ist frei. Zum achten Mal ist der gotische Bau sein Auftrittsort. Stets waren seine Besuche schon sehr zeitig ausverkauft.

Mit dem „Erlkönig“ durch Nacht und Win

Nach dem vielgefeierten „Ich, Judas“ ist er nun mit einer Auswahl an Gedichten und Balladen angereist, die aus einer von Ludwig Reiner zusammengestellten Sammlung stammen. Reiners Buch von 1955 heißt „Der ewige Brunnen“. Bei Beckers daheim im Wohnzimmer stand es im Bücherregal, alljährlich zum Weihnachtsfest wurde daraus gelesen.

In der Schauspielerfamilie, der er entstammt, waren prominente Künstlerkollegen zu den Weihnachts-Lesungen willkommen. Der junge Ben las mit. Auch über diese Tradition plaudert Becker an diesem Abend.

Man kennt ihn als Inszenierenden, als außergewöhnlichen Beleber bekannter und unbekannter Texte. Der 55-Jährige lässt den „Erlkönig“ durch Nacht und Wind reiten. Der Nebelstreif ist gewahr, die alten Weiden, der Ritt zum heimatlichen Hof. Yoyo Röhm am Piano, Freund und langjähriger musikalischer Begleiter Beckers, untermalt die Naturmagie. Klaviermusik gab es auch damals zu Weihnachten im Wohnzimmer.

Totenstille im Dom

Beckers Stimme ist sein Gut. Sie ist höchst wandelbar. Das Sonore passt bei kantigen Freibeutern und Goldsuchern, es geht aber auch fein näselnd bei Schillers Fräulein Kunigunde, die ihren Handschuh zwischen Tiger und Löwen fallen lässt und vom Ritter Hilfe einfordert. Im „Heideknaben“ von Friedrich Hebbel ist es nebelig und die Winde sausen durch den Dom, dass man die Jacke zuhalten möchte. Ein grausamer Traum geht in Erfüllung.

„Ein heftiger Text“, sagt Becker. Totenstille im Dom. Becker schaut, irritiert, auch etwas amüsiert, dass bisher noch keiner zu applaudieren wagt. Eine Ehrfurcht liegt im Raum. Der Dom. Der Auftretende. „Habt ihr den Text verstanden“, fragt Becker dann und schnarrt in den ersten Reihen schon mal die Leute an, die da seiner Meinung nach nicht voll konzentriert sind.

Nicht jeder mag seine Art der Interpretation

Becker fordert volle Aufmerksamkeit. Man sollte ihn auch nicht nur hören, sondern auch sehen. Vor allem bei Goethes „Zauberlehrling“. Walle! Walle! Becker verausgabt sich in Stimme, Mimik und Gestik, zieht seinen Harry-Potter-Hut weit ins Gesicht, haut auf sein Pult, das Wasser im Glas ist in Bewegung. Walle! Walle! Ein jeder im Raum sieht diesen verruchten Besen vor sich. Becker erzählt dann, dass nicht jeder seine Art der Interpretation des großen Goethe toll finde.

Ihm habe mal jemand gesagt: „Herr Becker, das geht so nicht.“ Becker lächelt, und man sieht ihm an, wie er über solche Bemerkung denkt. Becker macht, was er gut findet. Er singt den Marlene-Dietrich-Klassiker „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und setzt sich eine Nazi-Mütze auf. Da wird er nicht von allen beklatscht. Manches an diesem Abend ist eigenwillig, eine gewisse Arroganz präsent.

Man weiß erst gar nicht, dass er nicht schauspielert, als er Schluss machen soll. Denn den Abend über flunkerte er, dass er baldigst nach Berlin zurück will. Nun aber mag der Mann mit der großen Stimme lieber dem begeistert klatschenden Publikum mehr bieten. Doch im Dom muss das Licht weichen für die Illumination vor der Tür. Hunderte warten dort. Becker ist pikiert. Er wollte mehr, war es doch seit März erst sein zweiter Auftritt.