Jerichow l Platt und dünn besiedelt ist das Land um den 2000 Leute zählenden Ort Jerichow (Jerichower Land). Da darf schon der Deich, der vor der Elbe schützt, als Erhebung betitelt werden. In dieser schönen Landschaft voller Felder und Wiesen wurde im 12. Jahrhundert der Grundstein gelegt für einen besonderen Kirchenbau. 1250, so überliefern es die Annalen, wurden Kloster und Nebengebäude fertiggestellt. Bis heute erhalten ist der monumentale Bau – eine Klosteranlage fast gänzlich aus Backstein. Weithin sichtbar ragen deren mächtige Doppel-Türme seit Jahrhunderten gen Himmel.

Wer das Kloster besucht, spürt die einstige Zeit, die, so scheints, gefangengenommen wurde. Eine Stiftung, 2004 ins Leben gerufen, ermöglicht den Erhalt des großflächigen Areals mit den Nebengelassen und dem idyllischen Klostergarten, von dem der Blick ins weite Land geht. Die Stiftung unterhält sich aus Pachteinnahmen und Eintrittsgeldern. Sie hat 20 Beschäftigte und bis zu 40 ehrenamtliche Helfer. „Wir wollen die Wirtschaftlichkeit des Klosters stabilisieren. Dafür sind wir auf Eintrittsgelder angewiesen“, sagt Wolfhard Grefrath vom Vorstand. Die Stiftung will mehr Gäste locken. „Wir wollen unser Programm deutlich erweitern. Wir setzen auf neue Formate“, sagte er.

Superintendent freut sich auf Festival

Wenn Grefrath und Vorstand Roland Maiwald durch den Kreuzgang hin zur Klosterkirche führen, dann wird an diesem stillen Ort schnell klar, wie wichtig es ihnen ist, den sakralen Anspruch zu erhalten (die Kirche ist schließlich Gottesdienst- und Andachtsort), ohne die Weltlichkeit außen vor zu lassen. „Das Kloster muss seinen besonderen Charakter beibehalten“, unterstreicht Grefrath.

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Er spricht von Spagat und Balance, wenn er von den Veranstaltungen redet. Advents- und Frühjahrsmärkte, die insgesamt neun Sommermusiken in der Kirche, Theater (der Altmark) im beschaulichen Innenhof, das mittelalterliche Klostergartenfest Mitte Juli. Und vom 16. bis 18. August wird erstmals zum Jazzfestival geladen. Till Brönner hat zugesagt, der Star-Trompeter, der mit Dieter Ilg auftreten wird. Auch Bolero aus Berlin und Magnus Lindgren werden spielen, ebenso die Jugendjazzband Sachsen-Anhalt. Mit der Theatergruppe Poetenpack gibt es den legendären Kleinen Prinzen als Jazz-Märchen. Und die Bigband Stendal lädt zum Jazz-Picknick auf die Klosterwiese.

Überall wird gejazzt. Im Kreuzgang, in der Klosterkirche, im Innenhof.

Menschen für Telemann begeistert

Tilman Tögel, der vor kurzem verstorbene Vorstandschef der Stiftung, der SPD-Landtagsabgeordnete, der viele Fäden knüpfte, hatte gemeinsam mit dem Magdeburger Geiger und Rossini-Quartett-Chef Marco Reiß diese Idee der ganz anderen Belebung. Reiß, der in Magdeburg als „Telemania“-Intendant im Telemann-Jubiläumsjahr 2017 manch ungewöhnlich anmutende Veranstaltung wagte, schaffte in der Landeshauptstadt neue Sichten auf die Rezeption telemannischer Musik. Ihm gelang es, Leute für Telemann zu begeistern, die bis dato eher wenige Berührungspunkte mit dem Barockkomponisten hatten.

Die Stiftung erhofft sich vom Jazzfestival einen ähnlichen Sog. Reiß, der Jerichow seit langem von eigenen Konzerten her kennt, wurde als Künstlerischer Leiter engagiert. Das Festival nennt er einen wichtigen Baustein im Veranstaltungskalender.

Und was meint die Kirche zum Jazz hinter Klostermauern? Superintendent Michael Kleemann spricht von einer „wunderbaren Idee“. Denn was gäbe es Schöneres, sagt er, als Leute mit diesen Konzerten anzusprechen, die sonst vielleicht nicht auf die geistliche Anlage aufmerksam geworden wären? Er hofft auf viele Gäste, auch zum Jazz-Gottesdienst am Festivalsonntag.

Ein neuer Veranstaltungsort

Die drei Tage Mitte August sind zweifelsohne Höhepunkt im diesjährigen Veranstaltungskalender. Der ist lang. Live-Musik zieht sich durchs Jahr. Und damit zukünftig auch im Winter zu Veranstaltungen, Konzerten, Theater, Kabarett geladen werden kann, baut die Stiftung die Storchenscheune auf dem Areal aus. Im nächsten Jahr soll sie als beheizbarer Veranstaltungsort dienen. Geplant ist dann auch eine neue Dauerausstellung im Museum über den Orden der Prämonstratenser. „Wir wollen Klostergeschichte erlebbar machen“, meint Roland Maiwald. Man schaue schon voraus auf die nächsten Jahre. „Das Haus braucht eine neue Beständigkeit“, sagt auch Musiker Reiß.

Der Geiger weiß, wie Kammermusik in diesem romanischen Gemäuer klingt. Auf den Jazz aber ist auch er gespannt.