Mannheim (dpa) l Was hält die Frau in ihren Händen? Welches Geheimnis bergen ihre Fäuste? Sie kann nicht mehr befragt werden. Denn sie ist 500 Jahre alt und liegt als Mumie in einer Glasvitrine im Mannheimer Museum Zeughaus. Dort wird das Rätsel der in ihren Händen versteckten kleinen Objekte gelöst – Computertomographie macht es möglich. Auf dem Weg ins Jenseits hat die Frau, die im heutigen Peru lebte, zwei Milchzähne mitbekommen.

"Dies ist für mich das anrührendste Stück", sagt Museumsdirektor Wilfried Rosendahl. "Das Aufbewahren von Kinderzähnen kommt uns sehr bekannt vor. Das Tun dieser Frau aus einer ganz anderen Zeit und von einem anderen Kontinent verbindet sich mit dem Tun vieler Menschen von heute." Mit einem 3D-Druck aus Kunstharz ließen sich die Zähne nachbilden.

Die Ausstellung "Mumien – Geheimnisse des Lebens" im Museum Zeughaus (16. September bis 31. März 2019) rückt die Erforschung der Mumien in den Fokus. Dabei ist die Computertomographie die beste Methode, den eingewickelten Körpern ihre Geschichte zu entlocken, ohne sie dabei zu zerstören.

Ganz anders war das Anfang des 19. Jahrhunderts. Damals stillte man seine Neugier bei Auswickelpartys, während derer die feine Gesellschaft ägyptische Mumien bis auf die Gebeine entblößte. Mumien reizten immer dazu, in ihr Inneres vorzudringen: Schon ein Jahr nach Entdeckung der Röntgenstrahlen im Jahr 1895 wurde die erste Mumie durchleuchtet. Auch sie ist in Mannheim zu sehen.

Noch kein Ende in Sicht

Heutige Methoden, neben Röntgenanalytik und Computertomographie 3D-Oberflächenscanning, Paläopathologie, physische Anthropologie sowie Traumatologie, werden dem Besucher mit inszenierten Laborbereichen und einer Virtual-Reality-Station näher gebracht. Nach Ansicht des Geologen und Paläontologen Rosendahl ist bei der Mumienforschung das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht.

"Mit der Molekulargenetik und -pathologie werden wir mit kleinsten Proben noch mehr Erkenntnisse erhalten, etwa zu Krankheiten, Aussehen und regionaler Zugehörigkeit", erläutert der Mann, der in seiner Freizeit Höhlen erforscht. Im von ihm geleiteten German Mummy Project arbeiten Anthropologen, Radiologen, Rechtsmediziner, Physiker, Molekulargenetiker, Restauratoren und Spezialisten anderer Bereiche zusammen.

Aber schon heute fördern die Wissenschaftler Erstaunliches zutage: Ein mit einer Krieger-Tunika der Inka bekleidetes Exponat entpuppt sich nicht als Krieger, sondern als ein sieben- bis neunjähriger hockender Junge, der mit angezogenen Beinen mumifiziert wurde. Die Computertomographie zeigte Merkmale an der Haut, den Weichteilen und dem Skelett, die auf mehrere Erkrankungen hinweisen, darunter eine Lungenentzündung.

Der Brustkorb des Kindes wurde geöffnet, Teile des Herzens entnommen und die Leber zerstückelt. Rosendahl: "Wir wissen, dass es bei den Inka Kinderopfer gab." Es sei nicht auszuschließen, dass den Jungen vor 400 bis 500 Jahren ein solches Schicksal ereilte. Eine 3D-Animation erlaubt Einsichten in das schaurige Bündel.

Mumien als weltweites Phänomen

Die Ausstellung zeigt die Mumien-Bestattung als weltweites Phänomen. So bemühte sich die Kirche im Mittelalter um die Konservierung von Päpsten, Kaisern und Königen. Die Maori in Neuseeland präparierten die Leichen von hochgestellten Persönlichkeiten. Und bei einem Volk im Hochland von Papua-Neuguinea gibt es noch heute eine Mumifizierungstradition.

Aus moderner Zeit sind die einbalsamierten Körper des Gründers der Volksrepublik China, Mao Zedong, und des ehemaligen nordkoreanischen Staatschefs Kim Jong Il bekannt.

Was genau macht die Faszination der Mumien aus? Rosendahl: "Viele Menschen beschäftigen sich mit der Frage, wie geht es weiter nach dem Ende des Lebens, wie kann ich dafür sorgen, dass ich selbst oder mir teure Menschen in Erinnerung bleiben?" Er fügt hinzu: "Mumien sind da außergewöhnliche Zeugnisse, die zeigen, welche Prozesse es gibt, damit ein Körper nicht ganz vergeht."

Den Anfangspunkt der Mumienforschung in Mannheim markiert ein sensationeller Fund. 2004 entdeckten Restauratoren bei Aufräumarbeiten in der hintersten Ecke eines Depots 20 Mumien und Mumienteile in unbeschrifteten Kartons, die nach kriegsbedingter Aus und wieder Wiedereinlagerung auf keiner Inventarliste mehr zu finden waren. Es handelt sich um Objekte des Privatsammlers und Malers Gabriel von Max (1840-1915), die 1917 nach Mannheim gekommen waren.

2007 wurde der unverhoffte Schatz der Öffentlichkeit erstmals gezeigt. Danach ging die Schau auf Wanderschaft in den USA und Europa und zog in zehn Jahren drei Millionen Besucher an. Jetzt kehren die Mumien in ihre badische Heimat zurück.