Halle l Armes Bitterfeld! Wäre Jutta Benzenberg doch niemals aus dem Zug gestiegen! Die Münchner Fotografin kannte Bitterfeld nach eigenen Angaben nur vom Durchfahren mit dem Zug, „mit dem schnellsten Zug, den es gibt. Nix wie durch und weiter nach Berlin“, schrieb sie in ihr Tagebuch. Doch dabei blieb es nicht. Sie stieg aus und fotografierte für das Projekt „Im Schatten – Familien in Europa“ des Goethe-Instituts. Und schrieb auch weiter ein öffentliches Tagebuch: Der Frauentag werde „im Osten noch so gefeiert wie zu DDR-Zeiten“ und „Ich bin sehr gespannt auf ihre Geschichten, die mir als Westdeutsche völlig fremd sind.“ Das schreibt die Fotografin 2018, also 28 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung.

Region Bitterfeld in matten Farben

Ihre Fotos aus der Region Bitterfeld und Wolfen zeigen dann auch eine fremde Welt, in der die Farben matt und die Menschen bedauernswert sind. Ganz anders wirken die Bilder der gleichen Fotografin aus Albanien. Dort findet sie schöne, glückliche Kinder voller Zukunftshoffnungen.

Es ist trotzdem ein großes Verdienst des Goethe-Instituts, dass es Fotografen in Regionen schickt, an denen Künstler wenig eigenes Interesse haben. Für dieses Projekt waren zwei Fotografen in Belarus und Italien unterwegs und zwei Fotografinnen in Albanien und Deutschland. Sie fotografierten Regionen, die als „abgehängt“ gelten – jeweils in ihrem Heimatland und im Land des Kollegen/der Kollegin. Ihre Fotos wurden in Ausstellungen in Mailand, Rom, Pahost und Tirana gezeigt. Zum Abschluss sind die 120 Fotos in den Räumen der Kunststiftung Sachsen-Anhalt in Halle zu sehen – als einziger deutscher Station.

Bilder

Kurator Björn Hermann hat in Halle auf erklärende Ausstellungstexte verzichtet und legt dafür ein Heftchen mit den Reisetagebuch-Texten der Fotografen aus, die zum Glück nicht alle so verheerend sind wie die Notizen von Jutta Benzenberg. Sie erzählen meist von den Bedingungen, unter denen die Fotos entstanden. Das mag interessant sein – unbedingt nötig ist es nicht. Denn es wären schlechte Fotos schlechter Fotografen, wenn sich die Persönlichkeit und die Erlebnisse des Fotografen nicht darin spiegeln würden. Zum Beispiel die große Liebe des Fotografen Andrej Liankevich zu den Leuten, die er trifft und fotografiert. Da ist keine Arroganz, sondern ein wenig Staunen und viel Respekt. Zum Beispiel wenn er die Bewohner Polesiens in Belarus und ihre Wohnräume voller bestickter Tücher, Kissenhüllen, Wandbehänge fotografiert. Was schnell lächerlich wirken könnte, ist bei Liankevich wundervoll selbstverständlich.

Albanien im besonderen Licht

Ebenso selbstsicher präsentieren sich die Bergleute auf Sardinien. Mit dem Blick des Reporters ging der Italiener Livio Senigalliesi in die einst florierende italienische Bergbauregion. Kühl, schonungslos, doch voller Interesse und Freundlichkeit sind seine Bilder der italienischen Bergarbeiter.

Wie die deutsche Fotografin Benzenberg fuhr Mila Teshaieva, die in Kiew geboren wurde, nach Albanien und in die Bitterfeld-Wolfen-Region. Sie fand Hoffnung, Würde und ein wunderbares Licht. Allein, um dieses besondere Licht zu sehen, lohnt sich der Ausstellungsbesuch. „Sie hoffe“, schreibt Mila Teshaieva „die Menschen und Orte dieser Region in ein neues Licht zu rücken und denjenigen eine Stimme zu geben, die zu jeder Zeit Würde und Stärke bewahren konnten.“

Die besten Fotos dieser kleinen, sehr besonderen Ausstellung transportieren genau das.

Halle, Kunststiftung Sachsen-Anhalt, Neuwerk 11, bis 23. Februar, Mi-So 14 bis 18 Uhr, Eintritt: frei