Magdeburg l In seinem Roman „Exil der frechen Frauen“ hat Robert Cohen bereits den Lebensweg der Olga Benario aufleben lassen, später ihre dicke Gestapo-Akte als Buch veröffentlicht, ebenso den Briefwechsel zwischen der Agentin der Komintern und dem brasilianischen Kommunisten Luiz Carlos Prestes, dessen Geliebte sie war. Da saß Benario, die Tochter eines engagierten Sozialdemokraten, schon im Gefängnis und im KZ.

Diese vielen Recherchen waren Grundlage für die nun vorliegende Hörbuch-Produktion des deutsch-israelischen Olga-Benario-Projektes. Das Booklet dafür stammt vom Schweizer Schriftsteller und Regisseur Cohen.

Briefe beginnen 1936

Die ausgewählten Briefe beginnen 1936. In jenem Frühjahr wurde die Kommunistin in Brasilien verhaftet und – schon schwanger – an Nazideutschland ausgeliefert. Benario kam im Frauengefängnis in Berlin in sogenannte Schutzhaft. Sie „ist am 27. November 1936 von einem Kinde weiblichen Geschlechts entbunden worden“, heißt es ordentlich notiert in ihrer Akte.

Aus der Haft in die Haft

Die Gestapo führte fast täglich Protokoll über die junge Frau – höchst ausführlich und in einer erschreckend bürokratisch-korrekten Sprache („die Vernehmungen wurden sachlich geführt“), die so ganz anders ist als jene der Intellektuellen. Man hört in jeder Zeile, wie entfernt die Welten des Opfers und der Täter waren. Das Hörbuch verbindet diese Welten und lässt sie ganz dicht beieinanderliegen.

Texte erzählen vom Kind

Ute Kaiser (Konzept und Regie) liest mit viel Empathie Benarios Briefe, die nach Zensur die Zelle verlassen durften. Die junge Frau konnte sich nicht ehrlich und frei dem eigenen Leid widmen. So geht es in ihren Zeilen vorwiegend um das Kind. Glück liest man heraus über das gesunde Mädchen Anita Leocádia, „das sich als Kindchen entwickelt“, auch die Hoffnung auf ein Lebenszeichen ihres Geliebten. Der steckte in Isolationshaft im fernen Rio de Janeiro. „Meine geliebte Kleine“, schrieb Luiz Carlos Prestes am 13. März 1937 zurück. Da hatte er von dem „kleinen Wesen“ erfahren. Es sind warme Worte, alle wohlüberlegt, damit sie von den Mitlesenden freigegeben wurden.

Erste Kinderschritte in der Zelle

Während Olga Benario auch an die Schwiegermutter schrieb und das Wachsen des Töchterchens schilderte, wie die oberen Zähnchen durchkommen und sie mit ersten Trippelschrittchen die Zelle erkundet, schrieb der Strafanstaltsdirektor des Frauengefängnisses an die Gestapo: „Die Trennung von Mutter und Kind ist in zehn Tagen möglich.“

Olga Benario, erst als Kommunistin, dann als Jüdin abgestempelt, kam ins KZ Lichtenburg in Prettin, dann nach Ravensbrück.

Es sind Texte Verantwortlicher eines totalitären Regimes, das ohne Verurteilung eingesperrt hat und sich über Andersdenkende erhob. Benario hatte keine Chance. Auch nicht ihre große Hoffnung auf Ausreise. „Die Entlassung lehne ich ab“, schrieb der Direktor des Frauen-KZ Ravensbrück an das Reichssicherheitshauptamt im Mai 1941. Die Schutzhaftgefangene habe sich vom Kommunismus noch nicht freigemacht. Robert Cohen spricht im Booklet von der „unfreiwilligen Selbstdarstellung der Täter“.

In Bernburg ermordet

Die Nationalsozialisten haben Olga Benario fast sechs Jahre eingesperrt, des Kindes beraubt, sie dann in Bernburg ermordet, in einer der sechs zentralen „Euthanasie“-Anstalten, in denen kranke und behinderte Menschen sowie KZ-Häftlinge umgebracht wurden. Heute erinnert die Olga-Benario-Straße an die Unbeugsame, wie sie laut Cohen von KZ-Mitgefangenen geschildert wurde.

Auf dem dortigen Gelände des heutigen Fachklinikums für Psychiatrie existiert noch die Gaskammer. Bernburg ist als Originalort des Tötens erhalten und seit 1989 Gedenkstätte. Mehr als 14  000 Menschen wurde dort das Leben genommen.

Die Tochter Olga Benarios überlebte. Anita Leocádia Prestes wuchs bei ihrer Großmutter auf. Sie lebt in Brasilien und wird im November 84 Jahre alt. Heute wird sie an einer Online-Lesung und Hörbuchvorstellung des Goethe-Instituts Tel Aviv teilnehmen.

Hörbuch „Die Unbeugsame – Olga Benario in ihren Briefen und in den Akten der Gestapo“, Lesende: Ute Kaiser, Martin Molitor, Gabriela Börschmann, Nemu Records, 19 Euro, ISBN: 978-3-00-064887-8