Magdeburg l Alexander Puschkin schuf 1832 mit seinem Drama „Mozart und Salieri“, später als Oper umgesetzt von Nikolai Rimski-Korsakow, eine erste künstlerische Auseinandersetzung mit den beiden Wiener Komponisten. Lange hielt sich hartnäckig das Gerücht, Salieri habe seinen musikalischen Rivalen Mozart mit Gewalt aus dem Weg geräumt. Auch der auf dem Theaterstück von Peter Shaffer basierende oscarprämierte Film „Amadeus“ von Milos Forman aus dem Jahr 1984 befeuerte die Legende, obwohl der Filmemacher selbst stets auf die Fiktion seines Werkes hinwies.

Regisseurin Roscha A. Säidow, Artist in Residence am Puppentheater, fügt in ihrem neuesten Wurf den Geschichten um das Komponistenduo eine neue, äußerst vergnügliche Variante hinzu und wirft Fragen über den Umgang mit Künstlern nicht nur zu Kaisers Zeiten auf.

Mit strohartigen Turmfrisuren und in mit Anleihen an die Barockmode versehenen königsblauen Kostümen gewandelt, wuselt das Ensemble des Puppentheaters über die Bühne des diesjährigen Hofspektakels. Das Kaiserpaar ist unzufrieden, die elf Kinder sind aus dem Haus, bleiben nur noch Poesie und Musik zum Zeitvertreib. Hofkapellmeister Salieri, „leidet an Routine“ und liefert nur noch öde, kaum unterscheidbare Variationen ewig gleicher musikalischer Motive. Abwechslung muss her, wo doch der Nachbarhof sogar mit einem veganen Parfümeur protzen kann. Der vor Dekadenz strotzende Wiener Hof braucht also ein neues Spielzeug, eine echte Attraktion, für die er auch nicht vor der Hilfe dunkler Musen in Gestalt des rätselhaften „Morbus“ zurückschreckt.

Mozart bringt die Party an den Wiener Hof

Mit Mozart kommt die Party an den Hof, schrill, vulgär, überdreht, ein wenig so, wie man den Wunderknaben aus Formans Verfilmung kennt. Das wird schnell anstrengend, und man gibt ihm ein Weib, Constanze, an die Seite. Doch der Paradiesvogel wird bald zu teuer – zwei Komponisten am Hof sind einer zu viel. Ein Opernwettstreit, den es in der Realität übrigens tatsächlich zwischen Mozart und Salieri gegeben hat, muss her ...

Säidow, die nicht nur Regie führte, sondern gemeinsam mit Andres Böhmer auch wieder treffsichere, teilweise soghafte Songs komponierte, bringt die große Oper auf die kleine Puppentheaterbühne. Das tut sie auf äußerst originelle Art, denn für den Höhepunkt, das kaiserliche Event des Opern-Battles nutzt sie die kleinstmögliche Form: Für Salieris Beitrag belebt das Ensemble ein Miniatur-Papiertheater, dessen Spiel per Livecam auf die große Leinwand projiziert wird. Ebenso Mozarts Hip-Hop-Rap-Beitrag mit Barbie-Puppen und Discokugel. Kunst reduziert auf Event, konsumierbar, austauschbar, wegwerfbar. Dass am Ende Mozart und Salieri gerettet und die „Bulimie-Gesellschaft“ dem finsteren „Morbus“ in den Abgrund folgen muss, ist eine der scharfsinnigen, tröstenden Utopien Säidows.

Musikalisch dominieren die Eigenkompositionen Böhmers und Säidows, in denen jedoch immer mal wieder, wie in Florian Kräuters feinem Saxofonsolo, musikalische Motive Mozarts hervorblitzen. Das Ensemble erweist sich einmal mehr als ausgesprochen musikalisch.

Lennart Morgenstern zelebriert zum Vergnügen des Publikums augenrollend Salieris „Glohoooria“-Variationen, während Jana Weichelt und Leonhard Schubert großartige Ausflüge ins Musical- und Opernfach wagen und das komplette Ensemble einen präzise aufeinander abgestimmten veritablen Chor abgibt. Ausstatterin Julia Plickat hat eine opulente Bühne mit Logen, diversen Auf- und Abgängen und geheimnisvollen Klappen bauen lassen. Dabei ist die vom Puppentheater gewohnte Liebe zum Detail zu erkennen: Aufwändig ausgemalte Wände bis hin zu goldfarbenen Putten unter der Königsloge, aber auch ein detailliert bemaltes Spinett.

Jonathan Gentilhomme steuerte die Figuren des Kaiserpaars als eine Art Klappmaulpuppen bei sowie die exzellent gekleideten Puppen Mozart und Salieri.

All jene, denen es gelingt, eine der wenigen Restkarten für die Folgevorstellungen zu ergattern, können sich auf eine äußerst intelligente Sommerabendunterhaltung freuen.