Dessau/Magdeburg l Es ist einige Jahre her, als anlässlich des traditionsreichen Kurt-Weill-Festes die veranstaltende Weill-Gesellschaft den Neubau einer Synagoge angesprochen hatte. Alexander Wassermann, der Vorsitzende der Gemeinde, erinnert sich mit Freude an diesen Tag. Es sei eine Initialzündung gewesen für den Anbau an das zu klein gewordene Gemeindehaus.

Die Weills waren einst nach Dessau gekommen, weil Albert Weill die Anstellung als jüdischer Kantor erhalten hatte. Kurt ist eines ihrer drei Kinder. Er wurde im März 1900 in der Stadt geboren, acht Jahre bevor die Synagoge geweiht wurde. Die Familie, so sagt Wassermann, gehörte zum damaligen Gemeindeleben.

Vorhaben kostet 1,5 Millionen Euro

Weills lebten nicht mehr in der Stadt, als in der Nacht auf den 10. November 1938 die Synagoge, das Gemeindehaus und die Trauerhalle auf dem jüdischen Friedhof ausgeplündert und niedergebrannt wurden. Der Komponist Kurt Weill, der Ruhm erlangt hatte durch seine Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht („Dreigroschenoper“, „Der Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“), war schon mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten geflohen und 1935 in die USA emigriert.

Nun soll die neue Synagoge den Namen Weill tragen. Das habe die Gemeinde einmütig beschlossen, sagt Wassermann.

Auch die Baupläne stehen fest. Entschieden hatte sich die Gemeinde für den Frankfurter Architekten Alfred Jacoby. Der Professor an der Hochschule Anhalt hat in Deutschland schon ein Dutzend Synagogen entworfen. Seine Idee für Dessau: Ein Rundbau, der an eine Thora-Rolle erinnert.

Genau 80 Jahre nach der Zerstörung der Synagoge durch die Nazis sollte eigentlich der Grundstein für das 1,5-Millionen-Vorhaben gelegt werden. Daraus ist nun eine Auftaktveranstaltung geworden – mit öffentlicher Übergabe des Grundstücks und eines Baukostenzuschusses der Stadt Dessau-Roßlau an die Jüdische Gemeinde. Wie hoch der Zuschuss sein wird, ließ die Stadt auf Anfrage offen. Auch Lotto übergibt heute einen Zuwendungsbescheid. Mit 300  000 Euro fördert das Unternehmen den Synagogen-Bau. Er gehört laut Geschäftsführerin Maren Sieb zu den Lotto-Leuchtturmprojekten.

Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) reist dazu ins Rathaus nach Dessau. Zudem wird Charlotte Knobloch erwartet, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die heute 86-Jährige hatte dank einer bayrischen Retterin den Holocaust überlebt.

Wassermann freut sich nicht nur auf den heutigen Tag, er spricht von einem Traum, der jetzt in Erfüllung gehe. Aber: Noch ist nicht alles Geld zusammen. Trotz der vielen Spenden, trotz der großen Unterstützung durch Privatleute, die Stadt, durch den Zentralrat, die Kirchen und viele andere Einrichtungen würden noch mehrere hunderttausend Euro fehlen. Die Gemeinde habe viel Unterstützung, sie schaffe das, ist sich Wassermann sicher. „Wir brauchen dringend den Anbau. Wir haben keinen Platz, die Leute müssen stehen.“

300 Gemeindemitglieder

Die Jüdische Gemeinde Dessau, zu der auch Städte der Region gehören, ist gewachsen. 300 Mitglieder zählt sie – plus Familienangehörige. Vor allem sind es Zugewanderte aus Gebieten der einstigen Sowjetunion – wie Wassermann selbst. Er und seine Frau, beide Mediziner, stammen aus Usbekistan.

Auch in Magdeburg, wo an der Stelle der in der Pogromnacht zerstörten Synagoge ein Mahnmal an die jüdischen Opfer der Stadt erinnert, gibt es durch Zuwanderung wieder jüdisches Leben. Auch hier wird seit Jahren für ein neues Domizil gearbeitet. In den Haushaltsentwurf des Landes Sachsen-Anhalt sei für den Bau die Summe von 2,8 Millionen Euro eingestellt, sagt Waltraut Zachhuber, Vorstandsvorsitzende des Fördervereins „Neue Synagoge Magdeburg“, der sich seit Jahren für den Neubau engagiert. Im Dezember werde der Landtag entscheiden. Hinzu kämen Eigenleistungen in Höhe von mindestens 800 000 Euro. Trotzdem sei das ursprünglich angedachte Projekt zu groß und in einer Umplanung. Wann in Magdeburg gebaut werden kann, ist noch unklar.

Max Privorozki, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden, hatte der Nachrichtenagentur dpa gegenüber gesagt, dass es lange Jahre „überhaupt keine Bewegung“ gegeben habe. „Und jetzt tut sich etwas – in Magdeburg und auch in Dessau.“ Das sei sehr erfreulich.

Alexander Wassermann blickt nach vorn. Als möglichen Termin für die Grundsteinlegung in Dessau nennt er den 27. Januar – den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz.