Magdeburg l Vom ersten Augenblick sind die von Regisseur Rainer Otto bestens eingestellten Protagonisten voll da. Kein Warmlaufen. Sofort immer feste „druff“. Die „Me-too“-Debatte geht Pölitz gewaltig auf den Sack. Marion Bach hält dagegen und beklagt „maskuline Arroganz, die nur denkt mit dem Schwanz“. Pölitz’ Folgerung: Hätte Jungfrau Maria „Nein“ gesagt, hätte es Jesus nicht gegeben, es gebe kein Weihnachten, keine Weihnachtsmärkte, nichts.

Allerdings: „Die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten wäre uns erspart geblieben.“ Ein wortgewaltiger Schlagabtausch entspinnt sich, der in den Zank um „Gender“ mündet, der aufgebauscht zu einem die Nation bewegenden Aufreger und von manchen gar zum „Wahn“ erhoben, breiten Raum einnimmt. Auch die Kabarettisten halten sich einen Tick zu lang am Thema auf, spielen jedoch klasse den genervten Mann und die empörte Frau.

Eingespieltes Duo

Bach und Pölitz sind ein eingespieltes Team. Sie, die herrliche Komödiantin, ein Energiebündel, jeder Satz mit Mienenspiel gewürzt, jeder Gag auf den Punkt. Sie beweist, dass sächsisch-thüringische Mundart durchaus sympathisch sein kann. Pölitz tut dies auch. Mit seinem zurückgenommenen Spiel gibt er den Gegenspieler, den Zyniker, den resignierten Abwinker. Texte in Szenen und Liedern von Olaf Kirmis, Hans-Günther Pölitz, Thomas Müller und Rainer Otto sind klug, erklimmen humorige Spitzen, lassen das berühmte Lachen im Halse stecken. Die satirischen Bälle werfen die beiden Kabarettisten mit Schmackes hin und her. Jede Pointe sitzt.

Höhepunkte des Programms sind derer viele, so etwa der Auftritt von „Frau Europa“ und die geprobte Beisetzung eines Sozis. Erstere säuft sich einen an, gehüllt in blauer Sternenfahne, den Weinballon entschlossen zum Munde führend. „Frau Europa“ kann ihren Kummer nur im Suff ertragen. Ihre Kinder sind aufsässig oder kommen gar abhanden. Werte stehen vor dem Ausverkauf. Marion Bach ist erste Sahne als Säuferin, die singt, lallt, klagt. Armes Europa, für wahr! Als letzter aufrichtiger Sozialdemokrat „August Sozikowski“, der seine Beerdigung proben lässt, hat Pölitz seinen Glanzauftritt. Die linke Herzkammer ist verödet, Ätschi-Bätschi-Nahles ist Vorsitzende, einstige Genossen haben sich der Gegenseite verkauft. Der letzte aufrichtige Sozialdemokrat wird nunmehr zu Grabe getragen. Randnotiz: Eierlikör hat mehr Prozente als die SPD (und hat Eier!).

Vollblut-Satiriker in ihrem Element

Der zweieinhalbstündige Abend ist des Amüsements voll, getragen von zwei Vollblut-Satirikern, die mit Herz und Spaß ihre Show abliefern. Immer schon gewusst: Der Russe ist an allem Schuld, was auf der Bühne in einem schmissiges Russen-Bashing-Lied verbraten wird. „Viva Germania“ verpackt sogleich musikalisch, dass Deutschland überall dabei ist, wo Krieg herrscht. Zugunsten von Profiteuren wie Heckler und Koch. Das Lachen bleibt stecken, auch wenn zwei Kabarettisten in Uniform lustig trällern.

Die Kabarettisten werden des Austeilens nicht müde. Statt Burka sollte man den Anzug verbieten. Denn es seien Herren in Anzug, die Unheil bringen, Kriege und Finanzkollapse fabrizieren. AfD-Wähler seien ganz „erschöpft vom Wahlvorgang“ und hätten es denen da oben mal so richtig gezeigt, bemerken die Satiriker süffisant.

Den sehr emotionalen Schlusspunkt setzt Marion Bach mit ihrem Lied „Ist da jemand, der mich versteht“; sie singt gefühlvoll von Sorgen um die Verrohung der Menschen. Das Lachen weicht der Nachdenklichkeit. Dem letzten Liedton folgt das herzliche, heftige Klatschen der begeisterten Kabarettfans.