Magdeburg l Pölitz ist ein Feiermuffel. Geburtstagstrubel mag er schon gar nicht. Die Gründung seiner „Zwickmühle“, des ersten privaten Kabaretts in Sachsen-Anhalt, hat er wohldurchdacht auf den 29. Februar 1996 gelegt. Das erspart die alljährlichen Glückwünsche. Solchen Einfluss auf sein Geburtsdatum hat er nicht nehmen können. Trotzdem arbeitet Pölitz lieber an seinen Texten. Die müssen in einer Woche stehen. Anfang März hat das neue Programm Premiere.

Was bisher feststeht, sind der Titel und das Gerüst für Gedanken rund um die bevorstehende Bundestagswahl, um Trump und Flüchtlinge und Ängste vor Überfremdung, um AfD, Krieg und Bundeswehreinsätze. Vieles treibt Pölitz um, vieles brennt ihm auf der Seele. Dazu will, dazu muss er sich politisch-satirisch äußern.

Auch an seinem Geburtstag. Seine Frau Regina, die oft Regie führt im Haus „Zwickmühle“, kennt das: Anstatt Torte und Sekt zu reichen, arbeitet ihr Mann daran, schwere politische Kost möglichst leicht zu verpacken. Die Heiterkeit darf trotz des Ernstes nicht abhanden kommen. Der Satiriker nennt es Spagat. Die „Zwickmühle“-Stammgäste haben den Ton vernommen, der in seinen jüngsten Programmen angesichts der Themen schärfer geworden ist. „Wenn der Klotz gröber wird, muss auch das Werkzeug zur Bearbeitung gröber werden“, sagt der gebürtige Sachse. „Wenn man zu zart mit manchen Problemen umgeht, ist die Gefahr da, dass sie in unserer lauten, schrillen Gesellschaft gar nicht mehr wahrgenommen werden.“ Zu DDR-Zeiten, so sagt er, hätten die leisesten Töne gereicht, weil die Menschen die Wahrheit hören wollten. Heute könne man schreien und würde kaum jemanden erreichen.

Texte schon für Studentenkabarett

Doch Pölitz will erreichen. Schon immer. Etwas anderes als Kabarett, als das politische Geschehen im Land und in der Welt aufzugreifen, zu analysieren, auf den Punkt zu bringen, kann sich der „Zwickmüller“ auch nach so vielen Jahrzehnten im Geschäft nicht vorstellen. Er studierte Pädagogik, schrieb schon zu Zwickauer Hochschulzeiten für das Studentenkabarett „Junge Dornen“ die Texte. Trotz seines Abschlusses stand er nie vor Schülern, sondern gleich auf der Bühne. „Herkuleskeule“ in Dresden, „Zange“ und „Kugelblitze“ in Magdeburg“, Wende, Wechsel nach München zur renommierten „Lach- und Schießgesellschaft“, Rückkehr von der Isar an die Elbe, 1996 Gründung des Kabaretts „Magdeburger Zwickmühle“, dem seit Jahren mit ihm und Marion Bach zwei feste Ensemblemitglieder angehören.

Was sich im Lebenslauf schnell aufzählen lässt, ist mit unendlich vielen guten und weniger guten Erinnerungen verbunden – mit dem Verbot eines Programms im Jahr 1988 zum Beispiel, ebenso mit dem einzigen Kabarettneubau im deutschsprachigen Raum, den die DDR den „Kugelblitzen“ in Magdeburgs Zentrum setzte. Dass nach der Wende das Haus abgerissen wurde, ist für ihn immer noch unfassbar.

Während zu DDR-Zeiten ein Programm vier, fünf Jahre gespielt werden konnte, weil sich eh nichts änderte, muss heute nicht nur immer wieder aktualisiert werden. Auch das jetzt gerade entstehende Programm hat nur eine Haltbarkeitszeit bis zur Bundestagswahl. Und dann muss ein neues Programm her.

Dass Hans-Günther Pölitz nicht so genau weiß, wann eigentlich seine Renteneintrittszeit beginnt („irgendwann im August, glaube ich“), heißt für sein Publikum: Der Mann denkt nicht ans Aufhören. „Das ist keine Frage des Alters, sondern der gesundheitlichen Verfassung“, sagt er.

Wenn der Kabarettist zu seinem heutigen Geburtstag keinen Wert auf Torte und Blumen legt, so nimmt er vielleicht ja doch die Wünsche nach jeder Menge Gesundheit entgegen.