Magdeburg l Krisenzeiten sind Kabarettzeiten. Das ist eine alte Weisheit in diesem Genre. Und so ist Corona thematisch mit „Alle für keinen, keiner für alle” an dem neuen Kabarett-Programm auf der Bühne in der Magdeburger Leiterstraße beteiligt, das sich wohltuend von den Rundum-Schlägen abhebt, ausschließlich die politischen Ereignisse der Welt und ihrer Protagonisten im satirischen Mahlwerk zu zermalmen.

Nicht, dass dies mit kleinkünstlerischem Schwert oder Florett, je nach Art des Geschehens, nicht wirkungsvoll geschah, aber dieses neue Programm ist anders. Es offenbarte schon bei der Eröffnung mit dem Corona-Lied, was vor allem mit uns, mit dieser Gesellschaft passiert ist, als „wir in ein Zimmer geschickt wurden, um nachzudenken”.

Und nachgedacht haben Marion Bach und Hans-Günther Pölitz gründlich, über sich, über uns alle.

Solidarität im Lockdown

Was war das eigentlich für eine Solidarität, die sich da gleich nach dem Wegschluss des öffentlichen Lebens hinter dem englischen Begriff Lockdown verbarg? „Ich werfe meine Pfandflaschen in die Abfallkörbe, damit die Rentner, die diese Flaschen sammeln, sich auch mal was leisten können”, provoziert Marion Bach mit satirischem Zynismus, während Hans-Günther Pölitz ergänzt, dass die österliche Ausgangssperre auch was für sich hatte, musste man doch nicht der Verwandtschaft begegnen.

Solidarität, Glück und Kapitalismus, das gehe nicht zusammen, resümiert er nachdenklich. Der Kapitalismus brauche unglückliche Menschen, denn ihr Unglück könne man nur durch den Erwerb von Gütern kompensieren.

Da ist sie, die große Stärke dieses Programms, das beständig vom ganz Kleinen in uns den Bogen zum ganz Großen in der Welt schlägt.

Längen kaum zu spüren

Die Autoren neben Prinzipal Pölitz sind Olaf Kirmis, Thomas Müller und Gunnar Schade. Und dass sich die Texte in dem 100-Minuten-Programm ohne Pause so ineinanderfügen, dass man kaum Längen spürt, ist sicher auch der erfahrenen Regie von Michael Günther Bard zu verdanken, dessen Handschrift an vielen Stellen unverkennbar war.

Das durch die Corona-Pandemie ausgelöste Nachdenken, dass wir Menschen die Welt ganz sicher nicht weiter so ausbeuten können wie bisher, macht das Programm hochpolitisch aktuell. Da bleibt es nicht aus, dass die Kabarettisten auch die Antwort auf die Frage an den Waffenhersteller Heckler & Koch, ob er zum bisherigen Höhepunkt der Pandemie nicht auch Produktionskapazitäten für medizinische Geräte in gesellschaftlicher Solidarität bereitstellen könne, genüsslich sezieren.

Nein, man müsse Waffen für die Polizei herstellen, damit die öffentliche Ordnung und Sicherheit gewährleistet sei. Das reiht sich ein in die Systemrelevanz, zu der wohl auch der Fußball zählt, denn beim Geld hören die Gesundheitsbedenken auf.

Stück lebt von Dialogen

„Alle für keinen, keiner für alle” lebt über weite Strecken von den Dialogen zwischen Pölitz und Bach. Die beiden sind über viele Jahre gerade auf diesem Gebiet bestens eingespielt. Das zeigt sich unter anderem in der Nummer im Pflegeheim, die sowohl für Marion Bach als Heimbewohnerin wie für Hans-Günther Pölitz als Pfleger Glanzrollen sind, in der beide mit einer enormen schauspielerischen Slapstick-Leistung zeigen, dass sie nicht nur mit dem Wort fechten können.

Und wenn dann schließlich mit dem Udo-Jürgens-Schlusslied „Wir haben alles im Griff auf dem sinkenden Schiff” doch noch der Funken Hoffnung auf ein gutes Ende aufblitzt, hat das Kabarett-Duo auch den letzten der Zuschauer vollends davon überzeugt, dass auch in schwierigen Zeiten das Kabarett lebendiger denn je ist.