Magdeburg l Fragezeichen beim Publikum im Foyer des Schauspielhauses, als am Donnerstagabend das Stück „Der Prozess“ seine Premiere feiert: „Muss man in dieser Vorstellung etwa stehen?“ Nein, man muss nicht. Allerdings gibt es die Stühle erst zu Beginn der Vorstellung – aus der Hand der Schauspieler, von einem kreuz und quer gestapelten Haufen, begleitet von entspannender Musik. Bis dahin steht der Zuschauer im Foyer und darf sich schon einmal fragen, worauf er sich hier eigentlich eingelassen hat.

Neu im Ensemble des Magdeburger Schauspielhauses hat Regisseur Uwe Fischer nicht nur eine ungewöhnliche Inszenierung geschaffen, sondern sich gleich auch als Autor verdient gemacht. Gemeinsam mit der Dramaturgin Laura Busch hat er eine Bühnenfassung von Franz Kafkas „Der Prozess“ geschaffen, die die Geschichte des Protagonisten Josef K. erzählt. Der 1. Prokurist einer großen Bank wacht an seinem 30. Geburtstag auf und erhält nicht etwa Geschenke, sondern die Nachricht, dass er verhaftet ist. Den Grund erfährt er nicht. Und so beginnt für ihn eine albtraum- artige Irrfahrt durch ein Kaleidoskop behördlicher Willkür.

Publikum wird mit einbezogen

Die Inszenierung bezieht das Publikum immer wieder ein, macht die Zuschauer zum Teil des Stückes, wenn zum 30.  Geburtstag des Protagonisten Josef K. ein Geburtstagslied angestimmt wird, oder wenn Josef K. auf die Diener und Handlanger eines Rechtssystems schimpft, das sich nicht erschließt. Mehrfach müssen Zuschauer zum Beispiel vorübergehend ihre Stühle hergeben.

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Mancher mag sich fragen, was das soll und was das mit dem Stück zu tun hat. Die Antwort lautet: Sehr viel sogar. Denn Uwe Fischer spielt hier mit den Erwartungen der Zuschauer, auf die immer wieder Unerwartetes, Unverständliches zukommt, führt sie ins Absurde. Das widerfährt auch Josef K. Es sind aber auch Andeutungen zum Originalwerk Kafkas, das in dieser Ausführlichkeit auf der Bühne nicht erzählt werden kann. Wenn zum Beispiel plötzlich Bowle an die Zuschauer verteilt wird, spielt Uwe Fischer auf die Freundlichkeit der Hauptfigur in der Bank an. Der Sinn des Werkes und viele Schlüsselzitate bleiben erhalten, hilfreich ist, das Werk zu kennen. Manchmal gilt es aber vorzuspulen, um die Handlung voranzutreiben – und sei es dadurch, dass die Schauspieler plötzlich aus der Szene fallen. Und manches ist vielleicht einfach auch nur als Witz gemeint. So hat Uwe Fischer für das im Stück auftauchende Porträt eines Richters ein Gemälde des bekannten Malers Gerhard Richter ausgewählt.

Besondere Herausforderungen

Die Schauspieler, Christoph Förster als Josef K. und Daniel Klausner in der Rolle sämtlicher anderer auftretender Figuren, werden vor besondere Herausforderungen gestellt. Kostümwechsel und Bühnenbildwechsel beziehen sie durch den Wechsel von Requisiten in ihr Spiel ein. Immer wieder verrücken sie zudem zwei große Tische und Stühle. Diese werden zu Bett, Schrank, Regal, Zelle und noch mehr. Mit einfach Mitteln gelingen auf diese Weise Ortswechsel. Ebenso variabel sind die Kostüme angelegt – durch Perücke oder Kissen, Gehrock oder Unterkleidung springt Daniel Klausner vom einfältigen Wächter in Jogginghose und T-Shirt zur Vermieterin mit grauer Dauerwelle und Kittelschürze, weiter zum kränkelnden Advokaten, zum irre gewordenen Kaufmann in Leggings und lilafarbenem Ringeranzug und im gleichen Kostüm mit in Rosa lackierten Fußnägeln zur Geliebten Josef K.s. Gleichzeitig schaffen es sowohl Christoph Förster als auch Daniel Klausner, von der jeweiligen Rolle in die Erzählerperspektive zu wechseln. Förster kommt als Joseph  K. glaubwürdig herüber und schafft es, die zunehmend zermürbende Situation und ihre Auswirkungen auf Josef  K.s Psyche zu transportieren.

Am Ende des Stückes ist man froh, unverrückt auf seinem Stuhl zu sitzen und in eine Welt zurückzugehen, die (hoffentlich) weniger Willkür parat hält als jene von Josef  K.

Uwe Fischer beschert dem Publikum eine gewagte, etwas skurrile, fast surreal anmutende Inszenierung, über die nachzudenken sich lohnt. Allerdings provoziert er mit seiner Interpretation durchaus unterschiedliche Wahrnehmungen. Das dürfte gerade in diesem Stück wohl aber gewollt sein.