Magdeburg l Es verläuft zwischen Sport und Kunstwelt eine Pa- rallele, die in beiden Disziplinen kein seltenes Phänomen darstellt: Einem Akteur gelingen bereits in den Anfängen seiner Karriere Leistungen, die er später nie wieder erreichen kann. Aber diese Leistungen ermöglichen es ihm, ein Leben lang als Legende zu gelten. In der Filmwelt hat diesen Weg Jean-Luc Godard genommen. Der Franko-Schweizer wird heute 90 Jahre alt.

Mit dem Film „Außer Atem“, einem Klassiker der Nouvelle Vague („Neue Welle“), machte er sich sowie die Hauptdarsteller Jean Seeberg und Jean-Paul Belmondo zu Weltstars. Godard galt fortan als jüngster Großmeister des europäischen Kinos, dem man auch teure Prestigeprojekte anvertrauen konnte.

Die Produzenten Georges des Beauregard und der Mann von Sophia Loren, Carlo Ponti, beauftragten ihn mit der Verfilmung von Alberto Mora- vias Roman „Die Verachtung“. Eine große Besetzung mit Brigitte Bardot, Michel Piccoli und der deutschen Regielegende Fritz Lang, der sich selbst spielte, stand bereit. Die Schlüsselszenen sollten in der Villa Malaparte auf Capri gedreht werden.

Die Vorlage von Moravia war gut, aber keineswegs überragend. Erst vor wenigen Jahren schilderte Godard den speziellen Hintergrund des Auftrags. Das Wichtigste für die Produzenten sei gewesen, dass es eine spektakuläre Nacktszene mit der Bardot geben musste. Dafür hatte man ihr eine exorbitante Gage gezahlt.

Godard wollte trotz der Umstände einen Kunstfilm für die Ewigkeit erschaffen. Es gelang ihm das scheinbar Unmögliche. Brigitte Bardot machte ihren vermutlich besten Film, Michel Piccoli wurde zum Star und der Auftritt von Fritz Lang, der ein paar Jahre zuvor aus dem Hollywood-Exil zurückgekehrt war, berührte. Die ätherische Filmmusik von Georges Delerue berauscht bis heute. Und die Bardot zeigte ihre natürliche Schönheit auf dem Dach der Villa Malaparte. Wer einmal in der Sommerhitze auf dieses Bauwerk der klassischen Moderne blickt und Godards Film kennt, kann Vermutungen anstellen, welche Stimmungen im Team das Ergebnis ermöglicht hatten.

Als politisch linker Aktivist wollte Godard fortan die Welt des Westens ändern, ohne die reale Welt im Kommunismus wirklich kennenlernen zu wollen. Seit Mitte der sechziger Jahre schuf er ein riesiges Werk, das ein Spezialgebiet für exklusive Programmkinos und Filmwissenschaftler blieb. Über seine Wirkung machte sich Godard daher keine Illusionen: „Ich habe nicht den Eindruck, eine Karriere gehabt zu haben“, so Godard, der seit Jahrzehnten bei Genf lebt.

Unbescheidenheit, gepaart mit Arroganz, war durchaus seine Sache. „Ich werde nicht gern mit Picasso verglichen – er malte zu viele Teller“, sagte Godard 2010 der „Neuen Zürcher Zeitung“. In dem Interview wurde er seinem Ruf, ein allseits bereiter, exaltierter Querulant zu sein, noch einmal in Gänze gerecht. „Wenn das der Academy gefällt, soll sie es tun. Aber ich finde es seltsam. Welche Filme von mir haben sie gesehen? Kennen die meine Filme überhaupt? Der Preis heißt ja ,Governors Award‘. Bedeutet dies, dass mir Schwarzenegger den Preis gibt?“, kommentierte er lakonisch die Verleihung des „Ehren-Oscars“ für sein Lebenswerk.

Den Oscar holte er in der berühmten Award-Show in Los Angeles nicht ab. „Würden Sie nur für ein Stück Metall so weit reisen?“, ließ er damals über seine Lebensgefährtin den Pressevertretern ausrichten.