Leipzig l Die letzten Monate der DDR sind angebrochen. Wer von den unzufriedenen Bürgern nicht schon über Ungarn in die BRD geflüchtet ist, demonstriert dafür auf den Straßen. Die Wiedervereinigung steht kurz bevor, und inmitten dieses Chaos ist ein zwölfjähriges Mädchen - stinksauer, weil sie ihre beste Freundin nicht mehr sehen darf.

Am Mittwoch läuft der Animationsfilm „Fritzi - Eine Wendewundergeschichte“ in den deutschen Kinos an. Die Deutschland-Premiere fand gestern in Leipzig statt, regulärer Filmstart ist der 9. Oktober - der 30. Jahrestag der Montagsdemonstration in Leipzig, die den Sieg der friedlichen Revolution signalisierte.

Fritzi begleitet zwei Wendejubiläen

Die Buchvorlage „Fritzi war dabei“ erschien zehn Jahre vorher zum 20. Jubiläum der Wende. Autorin Hanna Schott kombinierte darin drei Zeitzeugenberichte zur Titelheldin Fritzi, die die Ereignisse bis zum Mauerfall aus ihrer Sicht schildert - illustriert mit Zeichnungen von Gerda Raidt.

In der Verfilmung wurde Fritzi eine aktivere Rolle zugesprochen: Nachdem ihre beste Freundin Sophie mit ihrer Mutter in den Westen flieht, wird sich Fritzi vieler der Ungerechtigkeiten im Land bewusst. „Die Stasi kann mich mal!“, erzählt sie trotzig ihrer Mutter und legt sich für ihre neu entdeckten Ideale mit Mitschülern, Lehrern und der Regierung an, wobei sie ein paar wesentliche Teile der Wende sogar selbst mitgestaltet.

Passend zum Thema der Wiedervereinigung ist der Film auch hinter den Kulissen eine Kooperation zwischen ehemals getrennten Teilen Deutschlands. Die beiden Regisseure Matthias Bruhn und Ralf Kukula sind jeweils in Bielefeld und Dresden geboren - 1962, kurz nach dem Bau der Berliner Mauer. Auch zwei der beteiligten Studios, Balance Film und TrickStudio Lutterbeck, sind jeweils in den neuen und alten Bundesländern angesiedelt. „Fritzi“ ist Kukulas erster Spielfim als Regisseur, Bruhn führte vorher Regie bei „Molly Monster - Der Kinofilm.“

In größeren Zeitsprüngen zeigt der Film einige der wichtigsten Etappen und Schauplätze aus den finalen Monaten der ehemaligen DDR: Etwa die Nikolaikirche im Zentrum der Montagsdemos, die auch für die gestrige Deutschland-Premiere gewählt wurde, oder die Zustände am Grenzstreifen. Bei letzterem sieht „Fritzi - Eine Wendewundergeschichte“ selbst als Kinderfilm nicht von den düstereren Aspekten der Zeit ab. Schon in der ersten Szene sind Schüsse auf einen Grenzgänger zu hören, später gehen Polizisten wahllos auf friedliche Demonstranten los - ein harter Kontrast zu Fritzis naivem und doch ansteckenden Optimismus. Auch diese Momente werden immer noch kindergerecht gezeigt, aber die Implikationen sollten für junge Zuschauer klar erkennbar sein.

Das ist notwendig, um die Zeit wahrheitsgemäß zu zeigen - besonders für jene, die sie nicht miterlebten. Dadurch entsteht eine große Authentizität - auch wenn Fritzis Erlebnisse vor und während der Grenzöffnung keine Standard Erfahrung gewesen sein dürften.