Hilmsen l Der erste Eisenguss des amerikanischen Künstlerbündnisses „Texas Atomic Iron Commission“ unter freiem Himmel in Deutschland, genauer im beschaulichen Hilmsen (Altmarkkreis Salzwedel), ist gelungen. Die vielen kleinen Skulpturen sind aus ihren keramischen Schalen befreit. Dass das Spektakel gerade hier stattfand, ist Hans Molzberger, dem Vorsitzenden des Kunstvereins Atelierhaus Hilmsen, zu verdanken. Denn er lernte seine Künstlerkollegen in den USA kennen, brachte sich dort bei vergleichbaren Aktionen selbst mit ein und ist fasziniert vom Eisenguss.

Glückliche Zufälle

„In meinem Leben gab es einige glückliche Zufälle“, sagt der heute 62-Jährige, der in Rheinland-Pfalz geboren wurde und über das Wendland im Jahr 1993 ins altmärkische Hilmsen kam. Seit 1985 beschäftigt sich Hans Molzberger mit plastischer Kunst, brachte sich das Handwerk selbst bei. Vier Jahre später wurde er als freischaffender Künstler anerkannt. „Und dann kam die Wende, die mein künstlerisches Schaffen stark beeinflusst hat“, erzählt er. Deshalb greift er deutsche Themen auf, setzt sich damit auf seine Weise auseinander. „Meine erste größere Arbeit war ein Trabbi aus Keramik“, erinnert sich Hans Molzberger.

Spurensuche in Polen

Auch das Schicksal der jüdischen Bevölkerung beschäftigt ihn sehr. „Ich habe das Tagebuch von Dawid Rubinowicz gelesen, einem polnischen Jungen, der Opfer des Holocaust geworden ist“, nennt er ein Beispiel. Daraufhin hat er mit dem Fahrrad in dessen Heimat nach Spuren gesucht und Menschen getroffen, die Dawid gekannt hatten.

Mit Hilfe von Siebdrucken hat er versucht, an den Jungen zu erinnern. Für das Projekt „Lasst es ruh‘n!?“, das sich mit der Zeit des Nationalsozialismus in Salzwedel beschäftigt, übernahm Hans Molzberger die künstlerische Leitung.

Heute sorgt er mit dafür, dass die Erinnerung an das Schicksal der Juden weiterlebt. Dafür hat er das Angebot „Rubin‘s colors“ entwickelt, in dem sein Freund, der mittlerweile verstorbene Künstler Rubin Samelson, über das eigene Schicksal als Kind im Zweiten Weltkrieg erzählt. Diese direkte Begegnung als lebendiger Geschichtsunterricht kommt bei den Jugendlichen gut an.

Im Jahr 2002 lernte der Hilmsener bei einer Ausstellung in Salzwedel die Künstlerin Sharon Kopriva und ihren Mann Gus, der als Galerist in Houston (USA) arbeitet, kennen. „Ich habe Gus eingeladen, sich einmal meine Arbeiten anzugucken“, blickt Hans Molzberger auf die erste Begegnung zurück. Der Amerikaner sei von den Raku-Arbeiten (siehe Infokasten) über Frank Zappa so beeindruckt gewesen, dass er ihm eine Ausstellung im nächsten Jahr in seiner Galerie angeboten habe. Dort lernte der Deutsche weitere Künstler kennen, die er nach Hilmsen einlud. Zudem hielt er Vorträge über Kunst an der Universität in Houston (USA). Michael Collins, der dort lehrt, schätzt Hans Molzbergers Art zu unterrichten. „Im November 2008 habe ich mit einem Arbeitsvisum begonnen, Skulptur und Keramik zu lehren“, sagt der Altmärker. Nebenher hat er selbst zwei Jahre die Schulbank gedrückt, sich mit Kunstgeschichte und mehr auseinandergesetzt. „Ich war der erste Student in der Geschichte der Houston Baptist University, der den Abschluss als ,Master of fine Art‘ gemacht hat“, erzählt der 62-Jährige stolz beim Rückblick auf das Jahr 2012. Mittlerweile habe er sein Wissen an etwa 500 Studenten weitergegeben. Seit vier Jahren kommen diese im Sommer in die Altmark, um im Atelierhaus Hilmsen zu leben und Neues auszuprobieren. „Für einige Studenten ist dieser Aufenthalt künstlerisch entscheidend. Sie sind zum ersten Mal von zu Hause weg, finden hier eine reichhaltige Kultur vor und können frei arbeiten“, beschreibt er.

Neue Sichtweisen

Die Arbeit mit den Amerikanern habe ihm neue Horizonte eröffnet. Dort habe er das unbekümmerte Herangehen an die Kunst gelernt. Da sei es nicht tragisch, wenn mal etwas schiefgehe. „Seit sieben Jahren bin ich im Lernprozess“, gesteht der Hilmsener. Um seine Ideen und Empfindungen auszudrücken, nutzt er jedes Medium: Raku, Siebdruck, Video, 3D-Druck und nun auch den Eisenguss. Mit Letzterem will er sich weiter intensiv beschäftigen. In der nächsten Woche geht es erneut nach Amerika: Die Studenten warten schon auf ihren Professor.