Berlin (dpa) l Zwei Vorzeigekommunisten, zwei Experten mit Fachkenntnis: im vom Krieg zerstörten Berlin treffen sich im August 1945 vier Herren, um einen 20 000 Reichsmark umfassenden Deal aufzusetzen. Ziel ist laut Gesellschaftsvertrag „der Betrieb eines Buch- und Zeitschriftenverlags“. Wenige Tage später kommt von der für die sowjetische Besatzungszone zuständigen Militäradministration die notwendige Arbeitsverfügung. Der Name des Unterfangens ist Programm: Aufbau-Verlag. Der Verlag wird eines der führenden DDR-Häuser und ein Stück deutsch-deutscher Geschichte. Am 16. August wird der Aufbau-Verlag 75 Jahre alt.

Im Auftrag des „Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“, an den die Gründer ihre Anteile bis zum Jahresende übertrugen, soll sich der Verlag nach dem Ende des NS-Regimes neben den Klassikern vor allem jüdischen Autoren und Exilschriftstellern widmen, die einst von den Nazis vertrieben wurden.

Bis zur ersten Verlagsadresse in der Französischen Straße 32 in Berlin-Mitte in der ausgebombten Stadt dauert es noch ein paar Wochen. Derweil arbeitet das Aufbau-Team an einem „fulminanten Auftaktprogramm“, wie es Konstantin Ulmer schreibt in seinem Blick auf die Verlagsgeschichte „Man muss sein Herz an etwas hängen, das es verlohnt“. Darunter auch Theodor Plieviers „Stalingrad“, für den Roman lag schon vor der Verlagslizenz die Genehmigung der sowjetischen Zensur bereit.

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Im beginnenden deutsch-deutschen Leistungsvergleich war die Aufbau-Nase vorn. Insgesamt erschienen 1945 zwölf Titel und zwei Nachauflagen mit etwa 250 000 Exemplaren, der Verlag wird „mit dieser Eröffnungsbilanz zum unumstrittenen Primus in der nachkriegsdeutschen Verlagslandschaft“, schreibt Ulmer.

Ausgaben von Goethe und Heine veröffentlicht

Vier Jahre später gibt es zwei deutsche Staaten. Während in der jungen Bundesrepublik Suhrkamp zu ersten Erfolgen aufbricht, entwickelt sich Aufbau in der DDR zum wichtigsten Literaturverlag des Ostens. Die Namen der Autoren stehen für das erstklassige Programm. Christa Wolf wird dort ebenso verlegt wie Anna Seghers, Hans Fallada, Hermann Kant, Egon Erwin Kisch, Christoph Hein, Lion Feuchtwanger oder Erwin Strittmatter. Der Verlag steht auch für große Werkausgaben von Goethe und Heine über Fontane bis Brecht.

Der langjährige Verleger Elmar Faber sieht sein Haus damals „führend im intellektuellen Diskurs der DDR“. Damit spiegelt das Haus auch die wechselvolle Geschichte der DDR-Kulturpolitik und ihrer Literatur wider. Gleichzeitig bringt der Verlag „Bücher für das ganze Volk zu erschwinglichen Preisen“. Manche Besucher aus dem Westen investieren weite Teile des einst üblichen Zwangsumtauschs in die vergleichsweise günstigen Literaturexemplare.

Ostdeutsche Identität kommt in den Westen

Mit der Wendezeit zeigt sich, dass der Vorzeigeverlag des Ostens auch die Wirren der Folgejahre meistern kann. Der Verlag überlebt nicht nur die Wende, er bringt auch einen guten Teil ostdeutscher Identität und europäischer Kultur in das vereinigte Deutschland ein.

Der Frankfurter Immobilien-Unternehmer Bernd Lunkewitz, selbst mit kommunistischer Vergangenheit ausgestattet, übernimmt eines der „wenigen unabhängigen Editionshäuser in Deutschland“ (Lunkewitz) von der Treuhandanstalt. Es folgen langwierige Auseinandersetzungen um Rechte und Besitzverhältnisse bis hin zu höchsten Gerichten.

Zu den literarischen Höhepunkten dieser Zeit zählt etwa Victor Klemperers „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“. Vor allem aber sorgt „Die Päpstin“ der US-Autorin Donna Woolfolk Cross für ökonomischen Erfolg.

Dennoch folgt 2008 ein Insolvenzverfahren. Der Verlag wird vom Berliner Investor Matthias Koch übernommen, der ihn noch immer leitet. Er lässt ein Aufbau-Haus errichten und zieht mit dem Verlag in Berlin in die „autonome kreative Republik Kreuzberg“ (Koch). Bis heute zählt der Aufbau-Verlag zu den Häusern, die unabhängig von großen Konzernen ihr Programm entwickeln können.